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Übersetzungen aus den
Tagesberichten der TIHV
Woche 20/2006
Milliyet/Radikal vom 14./15.05.2006
Todesschüsse in
Istanbul
Im Falle des am 11. Mai
von Polizisten in Findikzade (Istanbul) erschossenen Aytekin Arnavutoglu
wurden Vorwürfe erhoben, dass er unbewaffnet gewesen sei. Sein Kollege
Aykut Oktaylar berichtete, dass sie nach Schließung ihres Geschäftes
mit dem Auto spazieren fuhren. In Unkapani habe plötzlich ein Auto
vor ihnen gehalten. Die Musik in ihrem Auto sei nicht zu laut gewesen,
aber er habe plötzlich einen Schuss gehört. Der am Steuer sitzende
Aytekin habe es mit der Angst bekommen und den Rückwärtsgang
eingelegt. Danach sei mehrfach ohne Warnung auf sie geschossen worden.
Erst als sie die Sprechfunkgeräte sahen, hätten sie gewusst,
dass es sich um Polizisten handelte. Sie wollten, dass wir anders aussagen.
Sie sagten: „Was getan wurde kann nicht ungeschehen gemacht werden. Lasst
uns dem Polizisten helfen. Oktaylar fügte Folgendes hinzu: „Als sie
erkannten, dass Aytekin starb, nahm der Freund des Polizisten, der geschossen
hatte, dessen Waffe und brachte sie weg.“ Der Polizist, der geschossen
hatte, sei gewesen, als hätte er Drogen genommen. Er habe geflucht
und geschrieen. Serkan Sönmez sagte, dass sie auf der Wache gezwungen
worden seien, ihre Aussage zu ändern. Nach den Informationen von Radikal
berichtet ein Augenzeuge, der nicht genannt werden möchte, über
den Vorfall Folgendes: „Ein großer Mann (Bayram Engin“, der einen
schwarzen Anzug trug und in seinen Händen ein Radio und ein Gewehr
hatte, war vor dem Auto. Er war angespannt und fluchte ununterbrochen.
Zwei Jugendliche (Serkan Sönmez und Aykut Oktaylar), die aus dem Auto
kamen und sich auf den Boden legten, schrieen: „Töte uns nicht“. Das
T-Shirt des Jugendlichen in dem Auto (Aytekin Arnavutoglu) war voller Blut.
Danach kam ein großer Mann mit einem grauen Mantel auf den Polizisten
zu. Sie fingen an zu laufen und fuhren dann mit ihrem Auto weg. Nachdem
die Polizisten weggelaufen waren, begannen die Jugendlichen zu schreien:
„ Bitte helfen Sie uns, unser Freund stirbt“. Nach der Erklärung des
Istanbuler Sicherheits-Direktorats vom 13. Mai heißt es, dass ein
Team der Anti-Terror-Abteilung ein Fahrzeug gewarnt habe, das vorn kein
Kennzeichen hatte und sehr schnell fuhr. „In der Folge eröffnete der
Polizist, der feststellte, dass ein Deserteur das Fahrzeug fuhr, zuerst
das Feuer dreimal in die Luft und dann auf die Reifen. Vier der Kugeln
trafen die Kühlerhaube, keine die Windschutzscheibe. Das zeigt, dass
die Polizisten nicht die Insassen des Autos zum Ziel hatten. Als das Auto,
das dunkle Fensterscheiben hatte, anhielt, wollte der Polizist die Person
neutralisieren indem er die Tür mit der rechten Hand öffnete
obwohl er eine Schusswaffe in der linken Hand hatte. Als jedoch die Person
die Tür vor dem Polizisten öffnete, um wegzulaufen, stieß
die Tür gegen die Waffe des Polizisten und schoss. Es wurde so verstanden,
dass die Person durch die Kugel in die Brust starb.“ In den Nachrichten
in Milliyet wurde auf Widersprüche in der amtlichen Verlautbarung
hingewiesen. „Wenn die Fenster des Autos dunkel waren, wie konnte Aytekin
Arnavutoglu identifiziert werden?“, „Ist es für die drei Jugendlichen
möglich zu verstehen, dass die verfolgenden Personen in einem gewöhnlichen
Fahrzeug Polizisten sind?“ , „Wenn die Polizei nur zur Warnung das Feuer
eröffnete, warum wurde das Fahrzeug durchlöchert und die Reifen
nicht getroffen?“, „Warum haben die Polizisten nicht per Funk von anderen
Teams Hilfe angefordert?“, „Eine vorläufige Ermittlung wurde gegen
die Polizisten wegen Tötung bei Überschreiten der Grenzen der
Selbstverteidigung eingeleitet und die Polizisten wurden freigelassen.
Laut Juristen ist die Basis der Selbstverteidigung sich selbst zu schützen,
aber es gab keine andere Waffe in dieser Sache.“
Özgür Gündem
vom 10.05.2006
Strafe wegen "verehrter
Öcalan"
Das Amtsgericht in Mus hat
Mehmet Ali Karagüzel, Vorsitzender des Gefangenenvereins TUHAD-DER
zu einer Geldstrafe von 400 YTL verurteilt, weil er in einer Presseerklärung
von Abdullah Öcalan als "werter Öcalan" gesprochen hatte. Die
Strafe wurde wegen Loben eines Straftäters und einer Straftat verhängt.
Radikal vom 14.05.2006
Bombenexplosion in Erzincan
In der Stadt Ulalar in der
Provinz Erzincan explodierte am 13. Mai eine Bombe in einer Garage. Durch
die Explosion wurden Orhan Oguz (12), Cem Celep (11) und Mert Celep (11)
getötet. Umut Türkmen (6) erlag seinen Verletzungen im Krankenhaus.
Der neben der Garage wohnende Erdal Türkmen soll zuvor von der PKK
bedroht worden sein, während der Sprengstoff eher von TIKKO verwendet
wurde.
TIHV vom 16.05.2006
Todesfasten
In einer Erklärung
von TAYAD wurde eine Liste der Personen veröffentlicht, die sich derzeit
noch im Todesfasten befinden. Das ist zu einem der Anwalt Behic Asci in
einem Haus in Sisli (Istanbul), die Angehörige Gülcan Görüroglu
in Adana, Kamil Karatas im F-Typ Gefängnis in Sincan, Sevgi Saymaz
im E-Typ Gefängnis in Usak, Mustafa Tosun im F-Typ Gefängnis
in Tekirdag, Serpil Cabadan im M-Typ Gefängnis in Gebze und Fahri
Tirpan im F-Typ Gefängnis in Kiriklar.
Atilim vom 17.05.2006
Aus Solidarität mit
dem Anwalt Behic Asci haben sich Nadure Celik, Elif Kaya, Cuma Özcan
und Haktan Kaya dem Todesfasten angeschlossen.
Bia vom 11.05.2006
Anklage gegen Journalisten
Birgl Özbaris von Özgür
Gündem wurde wegen einer Reportage mit dem Kriegsdienstverweigerer
(KDV) Halil Savda am 9. April nach Artikel 318 neues TStG angeklagt. Am
10. Mai verhandelte die 2. Kammer des Amtsgerichts Beyoglu wegen 3 weiterer
Artikel vom 14. Mai, 24. September und 19. Oktober 2005 unter der gleichen
Strafvorschrift.
Bia/Özgür Gündem
vom 12./13.05.2006
Verfahren gegen Demonstranten
in Diyarbakir
Am 12. Mai setzte das Jugend-Landgericht
in Diyarbakir das Verfahren im Zusammenhang mit den Ereignissen während
der Beerdigungszeremonie von PKK-Militanten im März fort. Das Gericht
beschloß vier weitere Kinder aus der Haft zu entlassen. Nach diesem
Beschluß stieg die Zahl er freigelassen Kinder auf 25. Berichten
zufolge sind noch 19 Kinder im Gefängnis. An der 4. Kammer des Landgerichtes
Diyarbakir begann das Verfahren in der gleichen Angelegenheit. Das Gericht
beschloß 10 der Angeklagten zu entlassen.
Özgür Gündem
vom 16.05.2006
Studenten verurteilt
Yasar Yalpa und Harun Dikmen
von der Atatürk Universität in Erzurum (Abteilung Pädagogik
in Agri) wurden zu einer Strafe von 10 Monaten Haft und 416 YTL Geldstrafe
verurteilt, weil sie Unterschriften unter eine Petition gesammelt hatten,
die Abdullah Öcalan als Repräsentanten des politischen Willens
bezeichnete. Das Amtsgericht in Agri verhängte das Urteil am 10. Mai.
Radikal vom 17.05.2006
Prozess gegen Dink, Seropyan
und Engin
Die 2. Kammer des Amtsgerichts
in Sisli begann am 16. Mai die Verhandlung gegen den Herausgeber der Zeitschrift
Agos, Hrant Dink, die Chefredakteure Arat Dink und Serkis Seropyan und
den Journalisten Aydin Engin. Ihnen wird Beeinflussung der Justiz zur Last
gelegt (Artikel 288 TStG). Rechtsextreme Anwälte, unter ihnen der
Anwalt Kemal Kerincsiz verursachten Störungen wie schon in anderen
Verfahren gegen Orhan Pamuk und Dink. Vor der Verhandlung versammelten
sich die rechtsextremen Anwälte vor dem Gerichtsgebäude und dem
Gerichtssaal und schrieen die Journalisten und ihre Anwälte an mit
„Verräter“. Sie versuchten Dink zu schlagen und spuckten auf ihn.
Kerincsiz und seine Kollegen stellten einen Antrag auf Zulassung als Nebenkläger.
Auch der pensionierte Polizist Veli Kücük, der in die Susurluk-Affaire
verwickelt war, wollte Nebenkläger sein. Ihre Anträge wurden
abgelehnt, weil sie nicht direkt betroffen seien. Daraufhin erklärten
die rechtsgerichteten Anwälte, sie forderten den Rücktritt des
Richters wegen Befangenheit. Die Beobachter im Gerichtssaal fingen an zu
schreien. Sie warfen Münzen auf die Anwälte der Angeklagten,
unter ihnenYücel Sayman, den ehemaligen Vorsitzenden der Anwaltskammer
Istanbul, Fethiye Çetin, Ergin Cinmen und Fikret Ilkiz. Als Hrant
Dink sprechen wollte, schrie Kerincsiz ihn an: “Halt den Mund! Du sprichst
immer.” Das Verfahren wurde auf den 4. Juli vertagt, da die Sicherheit
nicht gewährleistet war. Die Journalisten und ihre Anwälte wurden
unter Polizeischutz aus dem Gerichtsgebäude gebracht.
Radikal/Zaman vom 18.01.2006
Todesschüsse auf
Richter
Gegen 10 Uhr wurde am 17.
Mai ein Attentat auf die Richter der 2. Kammer des obersten Verwaltungsgerichts
(Danistay) verübt. Die Richter Mustafa Birden, Mustafa Yücel
Özbilgin, Ahmet Cobanoglu und die Richterinnen Ayla Gönenc und
Ayfer Özdemir wurden verletzt. Nur der Richter Kamuran Erbuga blieb
unverletzt. Der Richter Mustafa Yücel Özbilgin erlag seinen Verletzungen
im Krankenhaus. Die Schüsse wurden von dem Anwalt Alparslan Aslan
abgefeuert. Er versuchte zu fliehen, wurde aber gefasst und soll in einer
ersten Aussage behauptet haben, die Tat alleine geplant und durchgeführt
zu haben. Als Grund soll er die Entscheidungen der Kammer gegen das Tragen
von Kopftüchern genannt haben. Der Anwalt soll sich am Eingang unter
Hinweis auf seinen Anwaltsstatus geweigert haben, durch die Röntgenschleuse
zu gehen. Schon zu Studienzeiten soll Alparslan Aslan als Rechtsradikaler
bekannt gewesen sein.
TIHV vom 18.05.2006
Verfahren wegen Tod durch
Folter
Die 2. Kammer des Landgerichts
Izmir sprach am 17. Mai das Urteil im Prozess wegen des Todes von Alpaslan
Yelden (15.07.1999 in Izmir). Der Polizist Nevzat Sagoglu wurde mangels
Beweisen freigesprochen. Die Polizeibeamten Ibrahim Peker, Hakan Ergüden,
Tarkan Gündogdu, Muharrem Çetinkaya, Ali Aykol, Hikmet Kudu,
Yusuf Oyan und Ugur Kocal wurden wegen Folter und Totschlag unter Überschreitung
ihrer Kompetenz (Artikel 243, 448 und 452 altes TStG) zu je 6 Jahren Haft
verurteilt. Da nicht ermittelt werden konnte, welcher Angeklagter für
den Tod unmittelbar verantwortlich war und aufgrund von guter Führung
wurden die Strafen auf 3 Jahre und 4 Monate Haft reduziert.
Milliyet vom 18.05.2006
Festnahmen in Nigde
In Nigde wurden Halil Sahin,
Yasar Ince und 5 weitere Personen unter der Beschuldigung “Mitglieder von
TIKKO” zu sein festgenommen.
Weitere Meldungen (DTF)
ISKU, Quelle: ANF vom 16.05.
SELIS-Vorsitzende Özdemir
freigelassen
Die Vorsitzende des Frauenberatungszentrums
SELIS in Diyarbakir, Hacire Özdemir, ist am ersten Verhandlungstag
aus der Haft entlassen wurden. Özdemir war mit dem Vorwurf der Unterstützung
der PKK verhaftet worden, nachdem am 6. April diesen Jahres eine Antiterroreinheit
der Polizei ihr Geschäft durchsucht und dabei Unterschriftenlisten
der Kampagne „Abdullah Öcalan repräsentiert meinen politischen
Willen“ gefunden worden waren.
Özdemir wurde von Rechtsanwältinnen
der Anwaltskammer Diyarbakir verteidigt. Die Verhandlung wurde von mehreren
Vertreterinnen von Fraueneinrichtungen und dem deutschen Bundestagsabgeordneten
Prof. Dr. Norman Paech beobachtet. Der Prozess gegen Özdemir läuft
weiter.
ISKU, Quelle: ANF vom 18.05.2006
IHD: Rechtsverletzungen
wie in den 90er Jahren
Die Zweigstelle Diyarbakir
des Menschenrechtsvereins IHD hat eine Bilanz der Menschenrechtsverletzungen
der ersten vier Monate des Jahres 2006 in den kurdischen Provinzen der
Türkei veröffentlicht. Demnach haben bei Gefechten und gewalttätigen
Auseinandersetzungen 89 Personen, bei Angriffen unbekannter Täter
und extralegalen Hinrichtungen 30 Personen und durch Minen und Sprengstoffexplosionen
vier Personen ihr Leben verloren. Die Gesamtzahl lautet 123. Im gleichen
Zeitraum wurden 2015 Personen festgenommen und 884 Personen verhaftet.
Wie Mihdi Perincek als IHD-Vertreter des Raumes Osten/Südosten mitteilte,
erinnert der Anstieg der Menschenrechtsverletzungen an die Türkei
der neunziger Jahre. Verglichen mit dem Jahr 2004 habe somit ein Anstieg
der Rechtsverletzungen von 400 Prozent stattgefunden, im Vergleich mit
dem Jahr 2005 sogar von 445 Prozent.
Perincek erinnerte weiterhin
daran, dass bei gewalttätigen Auseinandersetzungen in Diyarbakir und
Umgebung 13 Menschen ums Leben gekommen sind, davon fünf Minderjährige.
Den Entwurf zum neuen Antiterrorgesetz bezeichnete er als Ende des EU-Beitrittswunsches.
Im Verweis auf die Bombenanschläge in Istanbul auf das Gebäude
der Tageszeitung Cumhuriyet sowie in Trabzon auf mehrere Parteizentralen
und das Attentat auf Richter des Obersten Verwaltungsgerichshofes in Ankara
erklärte Perincek: „Diese Vorfälle sollten nicht als planlos
und individuell betrachtet werden. Wir verurteilen die Kräfte, die
hinter diesen Anschlägen stecken, sowie die Mentalität, mit der
das Recht auf Leben verletzt wird. Wir warnen alle Bürger davor, sich
auf solche Provokationen einzulassen. Eine Rückkehr in die Türkei
der neunziger Jahre bedeutet einen Verlust für alle.“
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