Übersetzungen aus den
Tagesberichten der TIHV
Woche 11/2006
Halkin Sesi vom 10.03.2006
Foltervorwürfe in
Istanbul
Muharrem Bastas hat sich
beim IHD in Istanbul beschwert, dass er nach seiner Festnahme in Kasimpasa
(Istanbul) am 7. März gefoltert wurde. Aus Angst, ins Gefängnis
zu kommen, habe er erst gesagt, dass er sich die Wunden selber zugefügt
habe. "Ich musste bei der Polizei eine Aussage unterschreiben, dass ich
ein Taschendieb sei. Ich habe schon einmal 8 Jahre im Gefängnis gesessen,
wurde am Ende aber freigesprochen. Nun kommen Polizeibeamte vorbei und
drängen mich, keine Beschwerde zu machen. Sie würden nichts unternehmen,
egal was ich in Sisli machen würde." Muharrem Bastas fügte hinzu,
dass er mit seiner Familie eigentlich in Edirne lebe. Er habe seine Mutter
besuchen und sich wegen seiner psychischen Beschwerden behandeln lassen
wollen und sei deshalb nach Istanbul gekommen.
Connection e.V. vom 10.03.2006
Mehmet Tarhan aus der
Haft entlassen
Das Militär-Berufungsgericht
in Ankara hat gestern die Haftentlassung des Kriegsdienstverweigerers Mehmet
Tarhan verfügt. Das Gericht entschied, dass er bei einem endgültigen
Urteil mit großer Wahrscheinlichkeit keine höhere Haftstrafe
zu erwarten habe, als er bisher verbüßt hat. Mehmet Tarhan wurde
vom Berufungsgericht gleichwohl erneut zur Ableistung des Militärdienstes
aufgefordert. Er entschied sich jedoch, dieser Aufforderung nicht nachzukommen.
Er ist in guter Verfassung und besucht derzeit seine Familie. Am 8. April
2005 war Mehmet Tarhan festgenommen worden. Er befand sich seitdem im Militärgefängnis
in Sivas, wo er mehrmals misshandelt wurde. Am 10. August 2005 wurde er
vom Militärgericht in Sivas zu vier Jahren Haft verurteilt. Das war
bislang die längste Haftstrafe, die gegen einen Kriegsdienstverweigerer
in der Türkei ausgesprochen wurde. Mehmet Tarhan hatte gegen diese
Entscheidung Berufung eingelegt.
Özgür Gündem
vom 11.03.2006
Strafe für Politiker
Ibrahim Bülbül,
der Vorsitzende der Jugendabteilung der DTP im Kreis Suruc (Urfa) wurde
vom Amtsgericht in Urfa zu einer Strafe von 6 Monaten Haft verurteilt.
Die Strafe erging nach Artikel 215 neues TStG, der das Loben einer Straftat
oder Straftäters unter Strafe stellt. In einer Presseerklärung
hatte Ibrahim Bülbül in Bezug auf Abdullah Öcalan vom "werten
Öcalan" gesprochen.
Cumhuriyet vom 14.03.2006
Strafe für Politiker
zur Bewährung ausgesetzt
Das Amtsgericht von Hani
hat Ali Ürküt, den ehemaligen stellvertretenden Vorsitzenden
der DEHAP zu einer Haftstrafe von 15 Monaten und einer Geldstrafe von 11
YTL verurteilt. Die Strafen wurden zur Bewährung ausgesetzt. Ali Ürküt
soll vor dem Wahlen vom 14. Oktober 2002 nach Einbruch der Dunkelheit gesprochen
haben.
Radikal vom 16.03.2006
Eren Keskin verurteilt
Die 3. Kammer des Amtsgerichts
Kartal hat die Vorsitzende des IHD Istanbul zu einer Haftstrafe von 10
Monaten nach Artikel 301 neues TStG verurteilt. Das Urteil wurde wegen
einer Rede auf einer Veranstaltung der Union alewitischer Frauen in Köln
am 16. März 2002 verhängt. Die Strafe wurde zur Bewährung
ausgesetzt.
DIHA vom 16.03.2006
Todesschüsse in
Tunceli
Das Landgericht in Tunceli
hat den Polizisten Resit Leba, der am 14. September 2005 den Taxifahrer
Hasan Akdag in Tunceli erschossen hatte, zu einer Freiheitsstrafe von 4
Jahren, 7 Monaten Haft verurteilt. Die Strafe wurde wegen fahrlässiger
Tötung verhängt.
Vatan vom 17.03.2006
Menschenrechtler vor
Gericht
Am 16. März begann
vor der 4. Kammer des Landgerichts Diyarbakir das Verfahren gegen den ehemaligen
Vorsitzenden des IHD in Bingöl und den Busfahrer Nurettin Celik. Im
Zusammenhang mit der Ermordung von 5 Bewohnern des Weilers Yeniköy
beim Dorf Yumakli (Pakuni) am 10. Juli 2003 werden sie mit Unterstützung
einer illegalen Organisation beschuldigt. Ridvan Kizgin soll sich mit PKK
Militanten getroffen haben, um zu besprechen, wie der Vorfall den Sicherheitskräften
angelastet werden könne. Herr Kizgin selber sagte aus, dass sich im
Juli 2003 eine Person an den Verein gewandt habe und von zwielichtigen
Gestalten in der Nähe des Weilers berichtet habe. Das habe er in einer
Pressekonferenz erwähnt und habe danach Probleme mit der Gendarmerie
bekommen. Dann sei es zu dem Vorfall gekommen und das Polizeipräsidium
habe ihm vier Personen als Schutz zur Seite gestellt, obwohl er das nicht
gewollt habe. Außerhalb des Stadtgebietes habe die Gendarmerie seinen
"Schutz" übernommen, so dass er gar keine Möglichkeit gehabt
habe, sich mit PKK Militanten zu treffen. Der Kleinbusfahrer Nurettin Celik
wies die Vorwürfe ebenfalls zurück. Er bringe Lebensmittel in
die Dörfer, habe aber keinen Auftrag von PKK Mitgliedern erhalten.
Yeni Safak vom 17.03.2006
Besitzer von Yeni Asya
verurteilt
Die 11. Kammer des Landgerichts
Ankara hat den Besitzer der Tageszeitung "Yeni Asya", Mehmet Kutlular zu
18 Monaten Haft verurteilt. Das Verfahren war im Zusammenhang mit einer
Rede angestrengt worden, in der Mehmet Kutlular das Erdbeben vom 17.08.1999
als Strafe für die Ungläubigen bezeichnet hatte. Das SSG Ankara
hatte ihn deshalb am 9. Mai 200 zu 2 Jahren Haft verurteilt. Die 8. Kammer
des Kassationsgerichtshofs hatte die Strafe am 16.01.2001 bestätigt.
Aufgrund von Veränderungen am Artikel 312 altes TStG kam es zu einer
erneuten Verhandlung, in der das SSG Ankara ihn erneut zu gleicher Strafe
verurteilte. Danach verbrachte Kutlular 276 Tage im Gefängnis. Nachdem
der Artikel 312 altes TStG durch den Artikel 216 neues TStG ersetzt wurde,
war das jetzt beendete Verfahren eingeleitet worden.
Weitere Meldungen (DTF)
Bia (Netzwerk) vom 17.03.2006
Rechtsanwalt Hüseyin
Aygün: Entschädigungen für Folgen des Terrors in Tunceli
Im Juli 2004 trat das Gesetz
Nr. 5233 zur Abfindung für Schäden durch den Terror oder den
Kampf gegen den Terrorismus in Kraft. Die Schäden wurden durch eine
vom Gouverneur eingesetzte Kommission begutachtet. Mit Stichtag vom 09.03.2006
waren in Tunceli 13.655 Anträge gestellt worden. Da mit dem Gesetz
5442 die Frist für Antragstellung auf den 3. Januar 2007 verlängert
wurde, könnte die Gesamtzahl auf 20.000 steigen. Bisher wurde in 994
Fällen entschieden. Dabei wurden 752 Anträge abgelehnt und 242
Anträge positiv beschieden. Darunter waren 92 Anträge, die sich
auf Schäden durch illegale Organisationen berufen hatten. Insbesondere
im Kreise Hozat wurden Abfindungen von nicht unerheblicher Höhe gezahlt.
Im Falle der Unerreichbarkeit des (Haus)besitzers wurden im Durchschnitt
Abfindungen zwischen 10 und 20.000 YTL gezahlt. Im Falle von gesundheitlichen
Problemen durch Minen oder Bomben bewegen sich die Abfindung jedoch nur
zwischen 1.000 und 4.000 YTL. Den Beschwerdeführern und ihren Anwälten
werden die Ergebnisse der Begutachtung der Schäden nicht mitgeteilt.
Das Personal der Kommission ist mit 4 Angestellten bei fast 14.000 Anträgen
zu gering. Weitgehend unberücksichtigt bleiben die Schäden von
Personen, die in den 60er oder 70er Jahren nach Deutschland gegangen sind.
Es werden auch Anträge von Personen abgelehnt, die wegen Gewährung
von Unterschlupf und Hilfe verurteilt wurden.
Radikal vom 18.03.2006
Auskunft des Geheimdienstes
zu einer halben Millionen Bürger
In der Antwort einer parlamentarischen
Anfrage des ANAP Abgeordneten für Istanbul, Emin Sirin, antwortete
der stellvertretende Ministerpräsident mit Angaben des Geheimdienstes
MIT. Demnach wurden im Jahre 2005 mehr als 480.000 Anfragen an den Geheimdienst
MIT gerichtet und zusammen mit Anfragen aus dem Jahre 2004 wurden 531.514
Antworten erteilt. In 485.000 Fällen reichten Archivauskünfte;
bei knapp 45.000 Personen wurde eine Sicherheitsabfrage durchgeführt
und für 1.343 Personen wurde eine Abfrage zur nationalen Sicherheit
durchgeführt.
Radikal vom 18.03.2006
Wieder Problem mit "w"
in Newroz
Da es den politischen Parteien
verboten ist, eine andere als die türkische Sprache zu benutzen, haben
sie sich an die offizielle Schreibweise von Newroz als Nevruz zu halten.
Das wurde der Partei der demokratischen Gesellschaft (DTP) in Osmaniye
und Tunceli durch das Polizeipräsidium bzw. den Gouverneur bescheinigt.
In Istanbul verbot das Friedensgericht in Beyoglu die Feiern, weil die
DTP auf der kurdischen Schreibweise des Wortes bestand. Nach einem zweiten
Gespräch der Politiker mit dem Gouverneur wurde die Feier dann gestattet.
In Kars beantragte der Staatsanwalt
die Konfiszierung der Einladungen zum Newrozfest durch den DTP Vorsitzenden
Mahmut Alinak, der Newroz mit "w" und "o" geschrieben hatte. Hier lehnte
das Friedensgericht den Antrag vorgestern ab. Über den Widerspruch
gegen diesen Entscheid hatte die 2. Kammer des Amtsgericht Kars zu entscheiden.
Es befand, dass die 10.000 Einladungen zu vernichten seien.
Anmerkungen zum Gerichtswesen
in der Türkei:
Obwohl auch in der Türkei
nicht mehr nach einfacher Haftstrafe und Zuchthausstrafe unterschieden
wird, blieb bei den Strafgerichten auch nach der Reform vom 01.06.2005
die Unterscheidung nach der von ihnen zu verhängenden Strafe ("leicht"
oder "schwer") bestehen. Zum einfacheren Verständnis benutzen wir
"Amtsgericht" (Gericht für einfache Haftstrafe) und "Landgericht"
(Gericht für Zuchthausstrafe). Bei der Nummerierung der Gerichte haben
wir zum besseren Verständnis nach Kammern unterschieden (z.B. nicht
das 4. Landgericht xy sondern die 4. Kammer des Landgerichts xy)
Die Staatssicherheitsgerichte
(SSG) haben seit 2004 einen anderen Namen. Seit Inkrafttreten der neuen
Strafprozessordnung (StPO) werden sie offiziell, die nach dem Artikel 250
der StPO zuständigen Gerichte für Zuchthausstrafen genannt. Sie
wurden mit fortlaufenden Nummern an die bestehenden Gerichte für Zuchthausstrafen
angehängt.
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