Übersetzungen aus den
Tagesberichten der Menschenrechtsstiftung der Türkei (TIHV)
Wochen 02 und 03/2006
Cumhuriyet/Milliyet vom 07.-09.01.2006
Vorfälle in Semdinli
Die Staatsanwaltschaft in
Hakkari hat den Obergefreiten Tanju Cavus, der bei dem Ortstermin des Staatsanwaltes
zu den Vorfällen in Semdinli auf die Bevölkerung geschossen hatte,
wegen Totschlags in Überschreitung von Notwehr angeklagt. Das Verfahren
wird am 18. Januar vor dem Landgericht in Hakkari beginnen. Unterdessen
wurde bekannt, dass der parlamentarischen Untersuchungskommission nur unvollständige
Unterlagen geschickt wurden. So soll das Innenministerium den Bericht von
zwei Staatssekretären, die den Vorfall untersuchten, nicht weitergeleitet
haben und von dem Protokoll eines Treffens von Vertretern des Innenministeriums,
der Gendarmerie und des Geheimdienstes wurde nur die erste und letzte Seite
geschickt.
Agentur ANF/Milliyet
vom 19.01.2006
Vor dem Landgericht Hakkari
sagte der Angeklagte Tanju Cavus aus, dass er am fraglichen Tag (9. November)
mit seiner Frau im Militärkrankenhaus von Van gewesen sei. Auf dem
Rückweg habe am Kontrollpunkt der Polizei ein Feuer gebrannt. Dort
seien an die 70 Personen gewesen, unter denen einige vermummt und bewaffnet
gewesen seien. Sie seien auf ihn zugekommen und hätten geschrieen
"Erschießt, tötet den Polizisten". Sie hätten nicht eingehalten,
obwohl er zurückrief, dass er ein Soldat und kein Polizist sei. Hände
hätten in das Fahrzeug nach seiner Frau und seinen Kindern gegriffen.
Da habe er seine Waffe gezogen und in die Luft geschossen. Danach habe
er Gas gegeben und sei bis vor die Wohnheime der Soldaten gekommen.
Der Zeuge Nuhat Uysal Kolat
sagte aus, dass vom Fahrersitz aus zuerst in die Luft und dann in die Menge
geschossen worden sei. Bei dem Vorfall waren Ali Yilmaz getötet und
5 Personen verletzt worden. Am Ende der Verhandlung ordnete das Gericht
die Freilassung des Angeklagten an, da er über einen festen Wohnsitz
verfüge. Nach der Verhandlung teilte der Bürgermeister von Semdinli,
Hursit Tekin mit, dass in der Menge niemand vermummt gewesen oder eine
Waffe getragen habe.
ANF vom 08./13.01.2006
Angriff von Hunden
Drei Personen wurden am
9. Januar bei einem Angriff durch Hunde der Gendarmeriestation in dem Dorf
Yolcati in der Provinz Bingöl verletzt. Das 9-jährige Mädchen
Berfin Oruc wurde dabei schwer verletzt. Adil Oruc, der Vater des Mädchens
erklärte, dass sie die Gendarmerie immer wieder ermahnt hätten,
dort aber nicht die notwendigen Maßnahmen ergriffen worden seien.
Wenn nicht Leute bei dem Angriff der Hunde eingegriffen hätten, hätten
die Hunde sein Kind töten können. Ihre Kinder hätten Angst
zur Schule zu gehen. Am 13. Januar wurden zwei Jungen, Emrullah Kutluk
(14) und Recep Kutluk (12) ebenfalls von Gendarmeriehunden im Dorf Otluca
in der Provinz Bingöl angegriffen.
Atilim/Milliyet vom 07.,
15. und 17.01.2006
Tod im Gefängnis
Serdar Demirel, der sich
seit dem 9. Mai 2005 im F-Typ Gefängnis von Sincan (Ankara) im Todesfasten
befand, ist am 7. Januar verstorben. Er soll am 18. Dezember 2005 den Versuch
der Selbstverbrennung unternommen haben und wurde danach in das Numune
Krankenhaus in Ankara verlegt, wo er dann verstarb. Am 16. Januar wurde
eine Gruppe von TAYAD Mitgliedern vor dem Gerichtsgebäude in Istanbul
festgenommen, als sie auf den Tod von Serdar Demirel aufmerksam machen
wollten. Die DHKC hat sich unterdessen zu einem bewaffneten Angriff auf
ein Polizeifahrzeug in Ümraniye (Istanbul) am 8. Januar und ein Bombenattentat
auf eine Bank in Caglayan (Istanbul) am 9. Januar bekannt. Die Aktionen
seien eine Reaktion auf den Tod von Serdar Demirel gewesen.
Agentur ANF vom 07.01.2006
Dorfschützer ermordet
Hüseyin Kaya, der im
Dorf Desan im Kreis Mazidagi (Mardin) als Dorfschützer aktiv war,
wurde am 7. Januar erschossen. Vier Personen sollen sein Fahrzeug außerhalb
des Dorfes angehalten und ihn erschossen haben. Seine Frau kam unverletzt
davon.
Cumhuriyet vom 09.01.2006
Gewerkschafter verurteilt
Die 3. Kammer des Amtsgerichts
Samsun hat die Gewerkschafter Nezir Kelleci (Egitim-Sen), Adem Kocaoglu
(Yap Yol-Sen) und Yusuf Inci (ESM) zu 15 Monaten Haft und einer Geldstrafe
von 366 YTL verurteilt. Die Strafen wurden zur Bewährung ausgesetzt.
Hintergrund war eine Demonstration im vergangenen Jahr vor den Büros
der AKP in Samsun als Protest gegen den Gesetzesentwurf zur Reform im öffentlichen
Sektor. Weitere 16 angeklagte Gewerkschafter wurden freigesprochen.
Agentur DIHA vom 08.01.2006
Strafe wegen "w" in Newroz
Als Vorsitzender des Veranstaltungskomitees
für das diesjährige Newrozfest hatte sich Dalha Kaya an den Landrat
in Dogubeyazit (Agri) gewandt. Da in dem Antrag ein "w" verwendet wurde,
rief der Landrat das Friedensgericht an, das eine Geldbuße von 1.200
YTL verhängte, da dies ein Verstoß gegen das Gesetz zur türkischen
Sprache und Anwendung sei. Sollte Dalha Kaya die Strafe nicht zahlen, muss
er mit einem Verfahren rechnen.
Agentur ANF vom 15.01.2006
Minenexplosion
Abbas Avci wurde schwer
verletzt, als er am 15. Januar in der Nähe des Dorfes Güvenli
im Kreis Yüksekova (Hakkari) auf eine Mine trat.
Milliyet/Sabah vom 20.01.2006
Foltertod eines Soldaten
Vor dem Militärgericht
des Generalstabs wurde am 18. Januar ein Verfahren gegen 5 Soldaten fortgeführt.
Von ihnen sollen der Obergefreite Ilhan Ünal und der Hauptmann Ismail
Yetkin den Soldaten Ahmet Fenkli am 4. Juli 2001 in der Einheit in Kirklareli
so schwer geschlagen habe, dass er an einer Gehirnblutung verstarb. Gegen
Ahmet Fenkli hatte der Verdacht bestanden, dass er Telefonkarten manipulierte.
Bei den anderen 3 Angeklagten handelt es sich um den General Emin Ünal
als Befehlshaber der Division, den Major Recai Elmaz und den Hauptmann
Nihat Balci als Vorgesetzte. In der Verhandlung kündete der Anwalt
Kemal Karabulut an, dass er sich von der Nebenklage zurückziehe, weil
die Angeklagten und ein Ismail Güven ihn bedrohten. Die Verhandlung
wurde auf den 3. März vertagt.
Cumhuriyet vom 20.01.2006
Verfahren gegen Bürgermeister
Gegen den Bürgermeister
des Stadtteils Sur (Diyarbakir), Abdullah Demirbas wurde ein Verfahren
wegen Veruntreuung von öffentlichen Geldern eröffnet, da er für
2.292 YTL ein Denkmal für den in Kiziltepe (Mardin) erschossenen Ugur
Kaymaz herstellen ließ.
Radikal vom 20.01.2006
Vorfall in Trabzon
Am 19. Januar warfen drei
Personen einen Molotowcocktail in das Cafe Yeni Dogu (Neuer Osten) nahe
dem Atatürk-Platz in Trabzon. Berichten zufolge besuchen insbesondere
Migranten von den Städten im Osten das Cafe um einen Job zu finden.
Vier Personen wurden bei dem Vorfall verletzt.
Radikal vom 20.01.2006
Überläufer
gefasst und entlassen
Der Überläufer
von der PKK Hayrettin Toka, gegen den vor 10 Jahren vom Landgericht Nr. 3 in Diyarbakir ein Haftbefehl in Abwesenheit erlassen worden war,
soll vor etwa einem Monat im Kreis Karamürsel in der Provinz Kocaeli
gefasst worden sein. Toka wird verdächtigt, in viele Fälle von
Morden durch unbekannte Täter verwickelt zu sein, während er
für JITEM arbeitete. Nach Anordnung der U-Haft wurde Hayrettin Toka
nach Diyarbakir überstellt. Er wurde im Zusammenhang mit Bombenangriffen
auf die Büros der Zeitungen Nusaybin und Yeni Ülke in Diyarbakir
angeklagt. Die 3. Kammer des Landgerichts in Diyarbakir entließ ihn,
nachdem er seine Aussage gemacht hatte.
Cumhuriyet vom 20.01.2006
Verfahren wegen Mitgliedschaft
Am 19. Januar wurde Cayan
Bilgin von der 13. Kammer des Landgerichts in Istanbul freigesprochen.
Er war im Februar 2001 festgenommen worden und wurde angeklagt, die Organisation
"Revolutionäre Gerechtigkeit des Volkes“ gegründet und Bombenanschläge
organisiert zu haben. Das Staatssicherheitsgericht in Istanbul hatte ihn
im ersten Verfahren zu lebenslanger Haft verurteilt, obwohl das Generaldirektorat
für Sicherheit und das Innenministerium dem Gericht mitgeteilt hatten,
dass es eine solche Organisation nicht gebe. Der Kassationsgerichtshof
hatte das Urteil aufgehoben mit der Begründung, dass die Existenz
der Organisation nur von der Polizei behauptet worden sei aber nicht habe
bestätigt werden können.
Anmerkung:
Die von uns am Häufigsten
verwendeten Abkürzungen können in
einem getrennten Fenster aufgerufen werden. Die Staatssicherheitsgerichte
(SSG) haben seit 2004 einen anderen Namen. Seit Inkrafttreten der neuen
Strafprozessordnung (StPO) werden sie offiziell, die
nach dem Artikel 250 der StPO zuständigen Gerichte für Zuchthausstrafen
genannt. Sie wurden mit fortlaufenden Nummern an die bestehenden Gerichte
für Zuchthausstrafen angehängt. Obwohl auch in der Türkei
nicht mehr nach einfacher Haftstrafe und Zuchthausstrafe unterschieden
wird, blieb bei den Strafgerichten jedoch die Unterscheidung nach der von
ihnen zu verhängenden Strafe ("leicht" oder "schwer") bestehen. Zum
einfacheren Verständnis benutzen wir "Amtsgericht" (Gericht für
einfache Haftstrafe) und "Landgericht" (Gericht für Zuchthausstrafe).
|