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Thema: Menschenrechte
in der Türkei
Übersetzungen aus den
Tagesberichten der TIHV
Woche 23/2005
Özgür Gündem
vom 05.06.2005
Folter in Hakkari
Haci Cetin, der am 26. Mai
im Kreis Cukurca (Hakkari) festgenommen wurde, hat sich über Folter
in Haft beschwert. Er berichtete: "Zuerst haben mich 4 Polizisten verhört.
Sie haben mir dabei splitternackt ausgezogen. Später kam der Landrat
Ünal Coskun hinzu. Er wollte alles von mir hören. Ich habe ihm
gesagt, dass ich mit dem Vorfall nichts zu tun habe. Daraufhin haben der
Landrat und ein Polizist mich geschlagen. Stundenlang wurde ich verprügelt.
Der Landrat beschimpfte mich. Einer der Polizisten drohte, mich mit dem
Knüppel zu vergewaltigen oder mich durch eine Kugel in den Kopf umzubringen.
Ich habe immer wieder gesagt, dass ich mit der Sache nichts zu tun habe
und mir dies nur passiere, weil ich der DEHAP angehöre. Später
wurde ich zum Staatsanwalt gebracht, der meine Freilassung anordnete."
Inzwischen wurde bekannt, dass Ziro Koc sich ebenfalls über den Landrat
beschwert hat, weil dieser ihm im Dienst eine Ohrfeige gab. Er habe ihm
zum Verlassen der Stadt aufgefordert, weil er den Leichnam eines PKK-Militanten,
der in der Nähe von Cukurca getötet worden war, abholen wollte.
Özgür Gündem
vom 06.06.2005
Schüsse der Dorfschützer
Am 1. Juni griffen Dorfschützer
die Familie Mendi an, die im Dorf Günyurdu im Kreis Güclükonak
(Sirnak) lebt, als sie auf einem Feld in der Nähe der Grenze arbeiteten.
Sahin Mendi wurde durch 2 Kugeln am Bein verletzt und musste ins Krankenhaus
eingeliefert werden.
Cumhuriyet vom 08.06.2005
Entscheidungen von RTÜK
Der Hohe Rat für Radio
und TV (RTÜK) hat dem Fernsehsender Cine-5 ein Ausstrahlungsverbot
auferlegt, weil die Filme “Fantasy”, “Power Flower”, “Insatiable Wives”
und “Passions Desire”, die am 12. 13. und 14 Dezember 2004 ausgestrahlt
wurden, pornografischen Inhalt haben sollen. Dem Sender Kanal D wurde ein
Sendeverbot auferlegt, weil in einer Morgensendung die Teilnehmer sich
beleidigten. Ähnliche Verbote betrafen Show TV und ATV. Hier sollen
Sendungen Gewalt verherrlicht haben.
Hürriyet vom 10.06.2005
Todesschüsse in
Denizli
In Denizli erschossen Polizisten
Ömer Yüce am 7. Juni. Dem Vernehmen nach hatten sie einen Hinweis
auf Einbruch erhalten und waren zu einem Haus im Stadtteil Yenisehir gegangen.
Dort trafen sie zwei Personen an, die der Aufforderung stehen zu bleiben
nicht nachkamen. Daraufhin eröffneten die Polizisten das Feuer und
töteten den vermeintlichen Einbrecher.
Radikal vom 10.06.2005
Bombenexplosion
Ilyas Kondu (14) wurde verletzt,
als eine Bombe explodierte, die er am 8. Juni in Sivas gefunden hatte.
Er soll dabei zwei Finger der linken Hand verloren haben.
Weitere Meldungen (DTF)
Connection e.V. vom 10.06.2005
Mehmet Tarhan freigelassen
und erneut einberufen
Nach der Gerichtsverhandlung
am 9. Juni wurde der türkische Kriegsdienstverweigerer Mehmet Tarhan
zwar freigelassen, jedoch unmittelbar danach erneut dem Rekrutierungsbüro
überstellt und ein zweites Mal einberufen. Der Militärrichter
hatte Mehmet Tarhan freigelassen, da er davon ausgehe, dass Tarhan mit
den bisherigen zwei Monaten Haft die zu erwartende Haftstrafe bereits abgegolten
habe. Der Prozess wegen „Ungehorsam vor versammelter Mannschaft“, in dem
Mehmet Tarhan eine Haftstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren
angedroht ist, wurde vertagt. Da Mehmet Tarhan jede Zusammenarbeit mit
dem Militär verweigert, sind weitere Verfahren wegen "Befehlsverweigerung"
praktisch unausweichlich.
Özgür Politika
vom 08.06.2005
TAK bekennt sich zu Anschlägen
Mit einem Anruf bei der
Nachrichtenagentur MHA haben sich die Freiheitsfalken von Kurdistan (TAK)
zu Anschlägen in Istanbul, Ankara, Izmir, Hatay und Usak bekannt.
Sie kündigten weitere Angriffe auf wirtschaftliche Ziele, insbesondere
den Tourismus an, wenn der türkischen Staat das kurdische Volk weiterhin
drangsaliert. Vorgestern war ein Anschlag auf die Raffinerie in Aliaga
(Provinz Izmir) verübt worden, bei dem 3 Personen verletzt wurden.
Bei einer Explosion in Karsiyaka (Izmir) soll ein Polizist verletzt worden
sein. In Istanbul, Ankara und Usak soll es am 5. Juni ebenfalls zu Explosionen
gekommen sein. Die Aktion im Kreis Hassa (Hatay) soll am 3. Juni bei einer
Basisstation für Handys erfolgt sein.
Bia (Netzwerk) vom 08.06.2005
Minenexplosion auf Strecke
zu einem Dorf der Süryani
Der Vorsitzende einer Kommission
der Föderation von Vereinen zur Entwicklung des Turabdin, Ibrahim
Gök, der Vorsteher des Dorfes Ücköy (Harabele), Maravge
Cinar und der Unternehmer Hapsuni Kara wollten am Morgen des 7. Juni von
Harabele zum Dorf Kafro fahren, als in der Nähe des Fahrzeuges eine
Mine explodierte. Die Insassen des Fahrzeugs blieben unverletzt. Hapsuno
Kara, dass dies ein Anschlag von Professionellen sei, die damit die Rückkehr
der Bewohner verhindern wollten. Die Vereine der Süryani im Ausland
haben den Premierminister, den Innenminister und den Gouverneur von Mardin
aufgefordert, den Vorfall zu untersuchen.
Radikal vom 10.06.2005
Entschädigungen
für Terroropfer
Der st. Gouverneur von Diyarbakir,
Erol Özer, gab bekannt, dass seit dem Inkrafttreten des Gesetzes zur
Entschädigung von Schäden, die durch den Terror oder den Kampf
gegen den Terror entstanden sind (das Gesetz trat am 27.07.2004 in Kraft)
14.850 Anträge beim Gouverneur in Diyarbakir gestellt wurden. Davon
sei in 311 Fällen entschieden und insgesamt 80 der Geschädigten
sein eine Abfindung in Höhe von insgesamt 278.000 YTL (ca. 160.000
Euro) erhalten. Nach einer Bestätigung durch das Innenministerium
würden diese Gelder ausgezahlt.
Bia (Netzwerk) vom 10.06.2005
Bilanz des IHD Diyarbakir
Der IHD Diyarbakir hat eine
Bilanz zu den letzten 3 Monaten herausgegeben. Der Vorsitzende der Zweigstelle,
Selahattin Demirtas sprach von einen außergewöhnlichen Anstieg
an Verletzungen der Menschenrechte. Es gebe eine positive Entwicklung im
Bereich der Folter, aber die Intoleranz gegenüber der Meinungsfreiheit
habe weiter zugenommen. Seit Beginn des Jahres sind bei bewaffneten Auseinandersetzungen
146 gestorben und 27 Personen verletzt worden. In den letzten 5 Monaten
wurden gegen 2811 Personen Ermittlungen wegen Meinungsäußerungen
angestrengt.
Radikal vom 11.06.2005
Sule Cizmeci: Erziehung
oder Drill?
Professor Ali Baykal hat
190 Schulbücher in den Computer eingegeben und die knapp 830.000 Sätze
und fast 7 Millionen Wörter indiziert. Das Ergebnis hat der Professor
der Pädagogischen Fakultät der Universität Bosporus nun
als "Digitale Daten der Schulbücher auf Realschulen und Gymnasien"
veröffentlicht. Wir sprachen mit Professor Baykal über die Ergebnisse.
Er schickte voraus, dass jede Ideologie seine eigene Form von ordentlichem
Bürger habe. In Deutschland sei es der "Nazi" gewesen, in der Sowjetunion
war es der "Genosse", in Nicaragua die "Sandinista" und in Afghanistan
"Taliban". Das universale Ziel der Erziehung in der Türkei sei es
Individuen zu formen, die in und außerhalb des Landes in Frieden
leben.
Die Autoren des Bildungsministeriums
(in Türkisch: Ministerium für nationale Erziehung) arbeiten nach
vorgegebenen Mustern. Im kleinen Wörterbuch von Professor Baykal tauchen
Wörter wie Türke, unser Prophet, Padischah, Minister, Krieg,
Eroberung, Bombe, Kugel, Heldentum, sterben und Märtyrer besonders
häufig auf. Offiziell wird von Sekularismus gesprochen, aber in den
Bücher ist ständig von unserem Propheten, unserer Religion die
Rede; es wird von Frieden gesprochen aber Ausdrücke wie Kanone, Kugel,
Gewehr und Pistole, die zum Kampfesgeist und Krieg ausrufen, finden sich
überall.
Die Pädagogen des Bildungsministerium
sprechen viel von Hinterfragen, aber fragende Sätze gibt es kaum (5%
der Sätze). Demgegenüber gibt es viele vorschreibende Sätze
in der Form von "dies muss so und so gemacht werden". Professor Baykal
fand in den Büchern eine Übertreibung des Heldentums. Bei gewonnenen
Kriegen werden Worte der eigenen Überlegenheit gewählt, bei verloren
Kriegen werden die Sieger als Unterdrücker dargestellt. Kriege werden
vier Mal so häufig erwähnt wie Frieden. Der Tod ist doppelt so
häufig vertreten wie das Leben. 29 Mal haben wir gewonnen und 10 Mal
verloren. Sie haben Massaker verübt, wir nicht.
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