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Übersetzungen aus den
Tagesberichten der TIHV
Thema: Menschenrechte in
der Türkei
Woche 38/2004
Cumhuriyet vom 11.09.2004
Menschenrechtler angeklagt
Die Generalsekretärin
des IHD, Feray Salman und der Vorsitzende der IHD Zweigstelle Bingöl,
Ridvan Kizgin mussten sich am 10. September vor dem Amtsgericht Bingöl
im Zusammenhang mit Reden auf der ordentlichen Versammlung der Zweigstelle
am 25. Oktober 2003 verantworten. Feray Salman sagte vor Gericht, dass
die Folter in der Türkei andauere und die Täter vorwiegend straffrei
blieben. Den Menschenrechtlern wird vorgeworfen, Staatsbedienstete beleidigt
zu haben, was nach § 266 TSG strafbar ist.
Cumhuriyet vom 11.09.2004
Leiche in Tunceli gefunden
In der Nähe des Dorfes
Topuzlar im Kreis Ovacik (Tunceli) wurde die Leiche von Süleyman Burmaagac
gefunden, der vor einiger Zeit entführt worden war. Bei der Leiche
wurde ein Zettel gefunden, dass Süleyman Burmaagac "bestraft" wurde,
weil er Militante der MKP denunziert und Geheimnisse der Organisation preisgegeben
habe.
Anm.: Am 12. September berichtete
Özgür Politika von einem Protest der HPG gegen die Ermordung
von Zivilisten durch die MKP. Dabei wurde auf die Morde an Zeynel Benler
(Pülümür – 25. Juli), Mustafa Büyükkaya (Mazgirt
– 13. August) und Süleyman Burmaagac hingewiesen und mit Vergeltungsmaßnahmen
gedroht.
Milliyet vom 11.09.2004
Urteil im Verfahren wegen
Foltertod
Die 2. Strafkammer des Landgerichts
Ankara hat in einem Zusatzverfahren zum Tod des Studenten Birtan Altinbas,
in dem 2 Polizisten angeklagt waren, am 10. September das Urteil gefällt.
Der Polizist Naip Kilic wurde freigesprochen. Sein Kollege Ahmet Bastan
wurde zunächst wegen unbeabsichtigtem Totschlags zu 8 Jahren Haft
verurteilt. Diese Strafe wurde u.a. wegen guter Führung auf 4 Jahre
und 5 Monate Haft reduziert. Der Verurteilte war erst am 30. Juni in Istanbul
gefasst worden, obwohl nach ihm seit 1998 gefahndet wurde. Das Urteil muss
noch bestätigt werden, wobei in 13 Monaten die Verjährungsfrist
abläuft.
Sabah vom 13.09.2004
EMRG untersucht Haftbedingungen
Eine Delegation des Europäischen
Menschenrechtsgerichtshofs hält sich derzeit in der Türkei auf,
um die Situation der am Wernicke-Korsakoff Syndrom erkrankten Gefangenen
zu untersuchen. Im Gefängnis von Bayrampasa trafen sie auf den Gefangenen
Savas Kör, der vollkommen unbekleidet im Raum umher ging. Bei dem
Überfall auf das Ulucanlar Gefängnis in Ankara am 26. September
1999, bei dem 10 Gefangene umkamen, verlor er 3 Finger. Er nahm im Jahre
2000 am Todesfasten teil. Nach 150 Tagen verschlechterte sich sein Zustand
und er wurde am 4. April 2001 ins Krankenhaus eingewiesen. Später
ordnete das SSG Istanbul seine Entlassung an. Nachdem jedoch seine Haftstrafe
von 15 Jahren für Mitgliedschaft in der TIKKO bestätigt worden
war, kam er am 11. Januar dieses Jahres erneut in Haft. Danach soll er
seinen Verstand verloren haben, ständig beten und jeglichen Kontakt
mit anderen Menschen abgebrochen haben. Nach einem 4-monatigen Aufenthalt
in einer Nervenheilanstalt wurde Savas Kör wieder ins Gefängnis
verlegt. Seine Anwältin Gül Altay hatte ihn mit auf die Liste
der zu untersuchenden Gefangenen gesetzt. Auf Anweisung der Staatsanwaltschaft
wurde Savas Kör nun in das Staatskrankenhaus von Bakirköy verlegt.
Die Delegation des EMRG soll mittlerweile 54 Gefangene im Krankenhaus der
medizinischen Fakultät der Universität Istanbul untersucht haben.
Özgür Gündem
vom 14.09.2004
Prügel in Igdir
Erdal Savas hat sich beim
IHD in Van beschwert, dass Polizisten der zentralen Station in Igdir ihn
und seinen Freund Murat Adir am 11. September auf offener Straße
verprügelt haben. Bei einer Personenkontrolle hätten sie sich
gegen eine Leibesvisitation verwahrt und mit den Polizisten diskutiert.
Deshalb seien sie von vielen Polizisten gleichzeitig angegriffen und verprügelt
worden. Nachdem sie im Krankenhaus behandelt wurden, habe die Polizei sie
offiziell festgenommen. Erdal Savas beschwerte, dass er auf der Polizeistation
erneut gefoltert worden sei. Er sei am 12. September erneut ins Krankenhaus
gegangen, aber habe kein Attest erhalten. Der Arzt sei zornig geworden,
nachdem Polizisten mit ihm gesprochen hatten.
Özgür Gündem
vom 14.09.2004
Strafe wegen Kurdisch
Schon am 2. Juni ging ein
Verfahren gegen Abdülkerim Bingöl, Kandidat bei den Wahlen vom
3. November 2002 und Cemil Elden von der DEHAP vor dem Amtsgericht in Van
zu Ende. Sie sollen auf einer Wahlveranstaltung im Kreis Varto (Mus) das
Publikum in Kurdisch angesprochen haben. Deswegen wurden sie nach den Artikeln
81 und 117 des Parteiengesetzes zu Haftstrafen von je 6 Monaten verurteilt.
Herr Bingöl verbüßt derzeit eine Haftstrafe von 11 Monaten,
die ihm das SSG Erzurum wegen einer Rede auf dem Parteikongress der DEHAP
in Dogubeyazit verhängt hatte.
Özgür Gündem
vom 15.09.2004
Folter in Hatay
Ebubekir Abi, der mit einer
Reihe von Verwandten nach einem Vorfall im Kreis Dörtyol (Hatay) festgenommen
worden war, hat nach seiner Freilassung Foltervorwürfe erhoben. Am
8. September wurde Mesut Sakin bei dem Versuch, eine Bombe an einer Eisenbahnbrücke
anzubringen, getötet. Danach wurden etliche Leute als vermeintliche
Helfer festgenommen, darunter auch Ebubekir Abi. Er sagte: "Ich wurde mit
Tekin und Tahsin Abi zusammen festgenommen. Sie fragten uns zu dem Bombenleger
und wollten wissen, warum wir ihm geholfen hätten. Ich sagte, dass
ich die Person nicht kenne. Mir haben die Polizisten nichts angetan, aber
meine Brüder Tekin und Tahsin haben sie brutal geschlagen. Später
brachten sie einen anderen Bruder, Adil Abi aus Gaziantep her. Ich habe
ihn nicht gesehen, aber Tahsin hat mit ihm gesprochen. Er berichtete mir,
dass Adil schwer gefoltert wurde und blaue Flecken im Gesicht hatte. Als
wir dem Gericht vorgeführt wurden, habe ich das auch gesehen. Er hatte
auch am Hals und auf den Armen blaue Flecken." Am 13. September wurden
die Festgenommenen dem Haftrichter vorgeführt. Fatma Temel, Mahir
Altürk, Imran Abi, Tekin Abi und Tahsin Abi kamen in U-Haft. Vahide
Temel, Piroze Temel, Zilan Temel, Musa Abi, Ebubekir Abi und Adil Abi wurden
freigelassen.
Özgür Gündem
vom 15.09.2004
Verfahren gegen Folterer
eingestellt
Die Staatsanwaltschaft in
Ankara hat die Ermittlungen gegen den Polizisten Kadri Tuncel, dem vorgeworfen
wurde, Senol Gürkan im Juni 2001 auf dem Polizeipräsidium in
Ankara gefoltert zu haben, eingestellt. Am 4. Juni 2003 hatte Senol Gürkan
in dem Verfahren gegen 8 Polizeibeamte, die ihn ebenfalls gefoltert haben
sollen, identifiziert. In der Begründung für die Einstellung
des Ermittlungsverfahren führte die Staatsanwaltschaft aus, dass das
Verfahren schon eröffnet worden sei und der Geschädigte diesen
Polizeibeamten nicht auf Fotos identifiziert habe.
Bia vom 15.09.2004
Journalisten angeklagt
Die 14. Sonderkammer des
Landgerichts in Istanbul sprach am 10. September das Urteil in einem Verfahren
gegen den Besitzer der Zeitung Özgür Gündem, Ali Celik Kasimogullari,
den Chefredakteur Mehmet Colak und dem Kolumnisten Ragip Zarakolu. Es sprach
eine Geldstrafe gegen den Besitzer in Höhe von 3,3 Milliarden TL aus.
Der Chefredakteur erhielt eine Haftstrafe von 6 Monaten und eine Geldstrafe
von 1,65 Milliarden TL, jeweils nach Artikel 7/2 ATG. Das Verfahren gegen
Ragip Zarakolu, der unter Artikel 312 TSG angeklagt war, wurde an das Amtsgericht
verwiesen.
Radikal vom 16.09.2004
Verfahren gegen Lehrergewerkschaft
Die 2. Kammer des Arbeitsgerichtes
in Ankara hat das Verfahren mit Antrag auf Verbot der Lehrergewerkschaft
Egitim-Sen zurückgewiesen. Das Verfahren war wegen der Weigerung der
Gewerkschaft, den Satz "Individuen sollen in ihrer Muttersprache unterrichtet
werden" aus der Satzung zu streichen, eröffnet worden.
TIHV vom 17.09.2004
TIHV Vertreter festgenommen
Am 16. September wurde der
TIHV Vertreter für Adana, der Anwalt Mustafa Çinkiliç
und der im Rehazentrum Adana beschäftige Arzt, Mehmet Antmen, festgenommen.
Zum Hintergrund wurde bekannt, dass der ehemalige Gefangene Sükrü
Boyav, der vor einem Jahr aus der Haft entlassen wurde, eine Anzeige gegen
die Gefängnisleitung und Wärter stellte. Dabei verwies er auf
die Behandlung bei der TIHV und führte als Beweis ein Schreiben an,
dass das Rehazentrum an einen Arzt gerichtet hatte. Die Staatsanwaltschaft
bestellte daraufhin den Arzt Mehmet Antmen als Zeugen. Er kam in Begleitung
von Mustafa Cinkilic als seinem Anwalt. Beide verwiesen darauf, dass sie
das Original des internen Schreibens nicht weitergeben könnten und
dazu die Zentrale in Ankara gefragt werden müsse. Der Staatsanwalt
ließ den Zeugen und Anwalt zunächst auf einer Polizeiwache festhalten
und beantragte U-Haft wegen Behinderung von Ermittlungen. Das Gericht aber
lehnte den Antrag mit der Begründung ab, dass eine Kopie des Schreibens
bei der Akte sei und der Inhalt durch die Gerichtsmedizin verifiziert werden
könne.
Özgür Gündem
vom 17.09.2004
Prügel im F-Typ
Gefängnis von Tekirdag
Aus dem F-Typ Gefängnis
in Tekirdag verlautete, dass Wärter Gefangene schlugen, weil sie am
2. September dagegen protestierten, dass der Mitgefangene Nail Karayel
unter Prügel in Einzelhaft verlegt wurde. Die Anwältin Hacer
Çekiç gab an, dass bei dem Vorfall die Gefangenen Ismail
Baris, Bülent Kudis, Habip Çiftçi, Ibrahim Kanat, Kenan
Günay, Erol Avci, Irfan Aktas, Ismet Sayman und einige andere verletzt
wurden und sie die Wunden bei einem Besuch im Gefängnis gesehen habe.
Am 9. September seien zudem die Gefangenen Baki Karayigit, Ridvan Erdem
und Erhan Polat vor den Augen des 1. Direktors Sami Yildiz angegriffen
worden. Die Staatsanwaltschaft soll in diesem Fall Ermittlungen aufgenommen
haben.
Weitere Meldungen (Zusammenstellung
DTF)
Ereignisse im Vorfeld des
Regulären Berichts der EU hinsichtlich der Fortschritte der Türkei
für einen Beitritt zur Europäischen Union
Radikal 15.09.2004: Hans-Gert
Pöttering, Vorsitzender der christlich-demokratischen Fraktion im
EP deutete an, dass sich der für den 6. Oktober erwartete Bericht
der EU Kommission zum Fortschritt der Türkei bezüglich eines
Beitritts zur EU verzögern könne, da die Vorwürfe von systematischer
Folter, wie sie von Menschenrechtsorganisationen erhoben wurden, erst noch
durch Juristen geprüft werden müssten. Sie würden nach dem
Besuch von Verheugen noch einmal in die Türkei reisen.
Radikal 17.09.2004: Mathias
Rüte, Direktor in der Generaldirektion Erweiterung, EU-Kommission,
Brüssel hat den IHD und die TIHV besucht. Merkel hat einen Brief an
europäische Politiker geschickt, in dem sie sich gegen eine Vollmitgliedschaft
und für eine privilegierte Partnerschaft ausspricht. Der wissenschaftliche
Rat für die Annäherungspolitik der Niederlande hat einen Bericht
zur Türkei und dem Islam herausgegeben. Leyla Zana und die anderen
ehemaligen Abgeordneten der DEP haben Pässe erhalten, um am 12. und
13. Oktober in Brüssel zu sein. Leyla Zana soll den Sacharow Preis
erhalten und eine Rede vor der Vollversammlung des EP halten.
Bia vom 17.09.2004
20 Journalisten in Haft
Die Plattform für Solidarität
mit inhaftierten Journalisten hat bekannt gegeben, dass sich derzeit 20
Journalisten in der Türkei in Haft befinden. Die Erklärung fordert
die sofortige Freilassung von Erol Zavar, der an Krebs erkrankt ist. Er
soll schon 3 Operationen hinter sich haben und eine Behandlung unter Haftbedingungen
sei unmöglich. Als inhaftierte Journalisten wurden genannt:
Memik Horuz, Isçi
Köylü, Tekirdag F-Typ Gefängnis
Erol Zavar, Odak, Tekirdag
F-Typ Gefängnis
Gülizar Kesici, Ekmek
ve Adalet, Gebze Gefängnis
Seval Yaprak, Ekmek ve Adalet,
Gebze Gefängnis
Yeliz Türkmen, Ekmek
ve Adalet, Gebze Gefängnis
Alp Yarbas, Ekmek ve Adalet,
Tekirdag F-Typ Gefängnis
Yalçin Akar, Ekmek
ve Adalet, Tekirdag F-Typ Gefängnis
Yilmaz Kaya, Ekmek ve Adalet,
Kandira F-Typ Gefängnis
Metin Kürekçi,
Yeni Atilim, Sincan F-Typ Gefängnis
Hatice Duman, Atilim, Gebze
Gefängnis
Bülent Genç,
Emegin Bayragi, Edirne F Tipi
Erdal Tan, Odak, Tekirdag
F-Typ Gefängnis
Kemal Evcimen, Özgür
Karadeniz, Sincan F-Typ Gefängnis
Mehmet Yayla, Gençlik
Gelecektir, Kandira F-Typ Gefängnis
Ferat Özdemir, Gençlik
Gelecektir, Kandira F-Typ Gefängnis
Serkan Onur Yilmaz, Gençlik
Gelecektir, Tekirdag F-Typ Gefängnis
Perihan Demirkiran, Gençlik
Gelecek, Gebze Tip Gefängnis
Mustafa Benli, Hedef, Edirne
F-Typ Gefängnis
Nurettin Sirin, Selam, Kandira
F-Typ Gefängnis
Mehmet Emin Tastan, Özgür
Halk Antep, Mersin Gefängnis
Özgür Politika
vom 18.09.2004
Überfall auf Dorf
in Hakkari
Am 14. September wurde im
Stadtteil Kiran (Hakkari) 2 Guerillas der HPG nach einem Hinweis festgenommen.
Am Abend des 16. September überfielen daraufhin Sonderteams, Soldaten
des Bergkommandos und Dorfschützer aus Silehyan (Durankaya) das Dorf
Bay, das 3 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt liegt. Sie durchsuchten
alle Häuser und sollen sie verwüstet haben, wobei sie die Lebensmittel
verstreuten. Wie verlautete, versammelten sie die Bevölkerung auf
dem Dorfplatz und behaupteten, dass die Guerillas über dieses Dorf
in die Stadt kämen. Dabei hätten sie die Bewohner beleidigt und
mit dem Tode bedroht. Die Dorfbewohner beschweren sich des weiteren, dass
ihr Dorf seit zwei Wochen beschossen werde.
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