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Sonderberichte
für das Jahr 2005
3 Beiträge in Bia-Netzwerk
vom 18.07.2005
Fakten und Meinungen
zum Kurdenkonflikt
Zusammenfassende sinngemäße
Übersetzungen
Ümit Firat: Kann
die PKK Adressat eines Aufrufes sein?
Zuerst erschienen in der
Sonntagsbeilage von Radikal am 17.07.2005
Im vergangenen Juni haben
eine Reihe von türkischen Intellektuellen einen Aufruf verfasst, in
dem die PKK zum bedingungslosen Ende von bewaffneten Aktionen und der Staat
zu gesetzlichen Maßnahmen für die Lösung der Kurdenfrage
aufgerufen wird. Eine Woche danach wurden eine noch längere Liste
mit Unterschriften kurdischer Intellektueller veröffentlicht, die
diesen Aufruf unterstützten.
Es war bekannt, dass unsere
Freunde, die diesen Aufruf als Erste unterschrieben, seit mehr als einem
Jahr etwas in Richtung auf die Kurdenfrage zu bewegen versuchen. Allerdings
haben sowohl die Kernmannschaft von 14 wertvollen kurdischen Politikern
in der Bewegung für eine demokratische Gesellschaft DTH (Demokratik
Toplum Hareketi, vor allem bekannt durch die ehemaligen Abgeordneten der
DEP) als auch einige Bürgermeister trotz anfänglicher Betriebsamkeit
den Aufruf nicht unterschrieben haben.
Es ist schwer zu verstehen,
warum einige kurdische Intellektuelle, die bis heute gegen Gewalt als Lösung
des Problems waren, den Aufruf unterschrieben haben. Sie hätten wissen
müssen, dass ein Aufruf an eine nicht existente Adresse kein Ergebnis
bringt. Diese Menschen wurden von der Seite, die den Krieg begann, immer
als "schädliche Elemente" betrachtet. Sie hätten nicht denken
sollen, dass ein solcher Aufruf als Initiative für Freundschaft aufgefasst
wird.
Ich habe keinen Zweifel
an der guten Absicht der Aufrufenden, von denen viele zu meinen engen Freunden
zählen. Aber sie haben erst einmal nicht korrekt ermittelt, wer die
Gefechte manipuliert. Es ist bekannt, dass Öcalan im Verlaufe seines
Gerichtsverfahrens im Sommer 1999 seinen Militanten befahl, das Land zu
verlassen. Obwohl in dieser Zeit 600 Militante durch die Einheiten der
türkischen Armee vernichtet wurde, wurde erklärt, dass mit einem
bewaffneten Kampf nichts zu gewinnen sei. Am 1. Juni 2004 durfte der ehemalige
Abgeordnete der DEP, Zübeyir Aydar in den Kandil-Bergen einen Text
verlesen, der den Waffenstillstand aufhob.
Die PKK hat keine Adresse
und Ansprechpartner für den Aufruf. Unter der der PKK zugeschriebenen
Adresse ist niemand, der den bewaffneten Auseinandersetzungen ein Ende
bereiten könnte. Die Schaltstelle (im Türkischen: "der Wille")
für das Ende von Gefechten ist dort, wo der Neubeginn angeordnet wurde:
der PKK Führer Abdullah Öcalan auf der Insel Imrali.
Aus diesem Grunde hätten
die eigentlichen Ansprechpartner die Kräfte sein sollen, die ihn festhalten
und behaupten, dass sie ihn benutzen. Ein Aufruf an eine Struktur, die
selbst wenn sie es will, keinen Beschluss zur Einstellung der bewaffneten
Aktionen fällen kann und nur die ihr zuerkannten Aufgaben erfüllt,
ist vergebliche Liebesmühe. Wie ich schon in einem Artikel vor einem
Jahr geschrieben habe, stehen die Kämpfe völlig unter der Kontrolle
des Generalstab, der jederzeit die Kämpfe beenden oder aber auch entfachen
kann.
Zweitens, ist es eine unrealistische
Erwartung, dass das Kurdenproblem durch gesetzliche Maßnahmen gelöst
werden kann. Wenn wir uns die letzten 20 Jahre anschauen, sehen wir, dass
gesetzliche Maßnahmen nichts gefruchtet haben. Das größte
Hindernis vor einer Lösung der kurdischen Frage ist die PKK und sein
Führer Öcalan. Solange wie diese Struktur nicht politisch eingeht
und weiter existiert, wird eine Lösung des Kurdenproblems versperrt
bleiben.
Drittens ist wichtig, was
in den permanenten Aufrufen von DEHAP und DTH unter Frieden verstanden
wird. Wenn es um die Amnestie einer Person geht, ist das sinnlos. Wenn
es um Gegnerschaft zu Gewalt und Krieg geht, dann muss das gezeigt werden.
Wohlformulierte Sätze und Zitate aus der Literatur reichen nicht.
Des weiteren müssen wir zeigen, wo wir politisch stehen. Wenn wir
die Anordnungen eines Führers befolgen, der den Kriegsbefehl gibt
oder gar über ihn eine Funktion in einer Partei erhalten, dann haben
unsere Wort vom Frieden keine Wirkung. Wenn eine Partei mit 2 Millionen
Stimmen die Gewalt wirklich ablehnt, dann sollte sie die Menge, die sie
glaubt zu vertreten, nicht nur zu Konzerten versammeln, sondern zusammenholen,
um klipp und klar zu sagen, dass sie gegen Gewalt ist. Sie sollten ihre
Meinung, dass Gewalt und Waffen kein Mittel zur Lösung sind und sie
sich gegen bewaffnete Aktionen wenden, an eine wirkliche Adresse schicken;
an Abdullah Öcalan auf der Insel Imrali.
Ragip Duran: Kurdische
"Bauchschmerzen"
Wieder werden Minen verlegt,
militärische Ziele mit Raketen beschossen und einheimische wie ausländische
Touristen werden zum Ziel von Bombenattentate. Wie es aussieht, ist der
"negative Frieden", wie Dr. Mithat Sancar die Zeit nach 1999 nannte, vor
seinem Ende.
Schaut man auf die politische
Bühne, so herrscht ein heilloses Durcheinander. Widersprüchliche
Stellungnahmen kommen von Imrali, aus den Kandil-Bergen, von Kongra-Gel
und DEHAP. Es gab in der jüngeren Vergangenheit 2 Vorfälle, die
die kurdische Bewegung und speziell die PKK beeinflusst haben. Das ist
zum Einen die Verhaftung von Öcalan im Jahre 1999 und die Besetzung
des Irak durch die USA im Jahre 2003.
Mit der Festsetzung von
Öcalan auf der Insel Imrali und seiner Verurteilung wurde bildlich
die gesamte Organisation inhaftiert und verurteilt. Das hat die politische
Linie verändert. Die Besetzung des Irak hat die Beziehungen der PKK
zu den politischen Mächten im Irak, das sind Talabani und Barzani
aber vor allem die USA, genauso verändert. Die widersprüchlichen
Haltungen lassen sich vielleicht auf zwei Gründe zurückführen:
Erstens verfügt die
PKK nicht über Kader, die eine langfristige Politik entwickeln können.
Zweitens war die PKK bis 1992 in der Lage, Initiativen zu ergreifen. Danach
aber hat sie durch falsche Politik sowohl politisch als auch organisatorisch
Niederlagen einstecken müssen. Nach 1999 verlor sie die zentrale Führerschaft
und die Fähigkeit, eine Politik zu entwickeln, was zu Schwierigkeiten
in den eigenen Reihen führte. Die Trennung von Osman Öcalan,
der mit Unterstützung von Talabani nun eine stärker an die USA
angelehnte Politik betreibt, deutet auf eine Spaltung der PKK hin. Sie
verliert damit den Alleinvertretungsanspruch innerhalb der Kurden und bringt
sie in die Lage Anfang der 80er Jahre zurück. Die PKK wird wieder
zu einer Organisation, die keine Toleranz gegen Dissidenten kennt und ihre
Kraft durch Morde und Drohungen unter Beweis stellen will. Dies kann mit
den "Bauchschmerzen" verglichen werden, die die CHP 1946 hatte, als die
Ein-Parteien-Herrschaft zum Mehr-Parteien-System wurde.
Momentan sind die an die
PKK angelehnten Strukturen nicht in der Lage, eine Alternative zu bilden.
Dabei hat die Kurdenfrage sich längst vom Dreieck Diyarbakir-Van-Hakkari
fortbewegt und kann auch nicht auf das Viereck Teheran-Damaskus-Bagdad-Ankara
beschränkt werden. Zwischen Washington-London-Moskau ist es zu einem
globalen Problem geworden, auf dessen Bühne viele Akteure verworrene
Wege beschreiten. Das erneute Aufgreifen der Gewalt auf Seiten der PKK
kann als letzte Regungen einer Bewegung verstanden werden, die auf ihr
Ende zugeht. Diese Gewalt kann die Türkei aber erneut zu einem verstärkten
Militarismus führen.
Dennoch kann die unter Theoretikern
verbreitete Meinung, dass die PKK und ihr Führer Öcalan das größte
Hindernis bei der Lösung der Kurdenfrage seien, nicht akzeptiert werden.
Diese Ansicht vertritt der Generalstab. Die unter Kurden verbreitete Unterstützung
der Besetzung des Nordirak durch die USA entspringt keiner linken Ideologie,
sondern repräsentiert einer nationalistische Linie. Die Zukunft der
Gewalt in Kusadasi, Marmaris, Cesme oder auch Sirnak wird zwischen Ankara-Washington
und Ankara-Bagdad entschieden. Dort liegt auch die Zukunft der PKK und
des Generalstabs.
Bewaffnete Auseinandersetzungen
nehmen zu und andere Formen an
Am 6. Juli wurde der ehemalige
stellvertretende Vorsitzende der HADEP, Hikmet Fidan, in Diyarbakir durch
einen Kopfschuss getötet. Sein Sohn machte dafür die PKK verantwortlich,
weil sein Vater für den unbewaffneten, demokratischen Kampf eingetreten
sei.
Am 9. Juli fuhr ein Militärfahrzeug,
das zwischen den Kreisen Cukurca und Semdinli (Sirnak) auf Patrouille war,
auf eine Mine. Drei Soldaten starben und 15 wurden verletzt.
Am 10. Juli explodierte
eine Bombe in einem Papierkorb. 22 Personen wurden verletzt. Bei dem Überfall
auf einen Polizeiposten im Kreis Hozat (Tunceli) wurden drei Polizisten
verletzt.
Am 11. Juli errichteten
PKK'ler eine Straßensperre zwischen Tunceli und Erzincan, raubten
die Gelder der Reisenden und entführten den Soldaten Coskun Kirandi,
der in den Urlaub fuhr. Er ist immer noch eine Geisel.
Am Abend des 13. Juli überfielen
PKK Militante militärische Einheiten in Kars und Bingöl. In Diyarbakir
fuhr ein Militärfahrzeug auf eine Mine. Ein Soldat wurde verletzt.
Der Gouverneur von Sirnak
gab bekannt, dass zwischen dem 13. und 16. Juli 10 PKK Militante bei Operationen
in den ländlichen Gebieten getötet wurden.
In den Mittagsstunden des
16. Juli explodierte eine C-4 Bombe in einem Kleinbus in Kusadasi. 5 Personen
starben und 13 Personen wurden verletzt.
Am gleichen Tag wurde der
PKK-Verantwortliche für Österreich, Hasan Özen in Diyarbakir
getötet.
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