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Verein der Kriegsgegner (SKD, im Internet unter: savaskarsitlari.org) vom 26.05.2005
Interview mit Mehmet Tarhan
Der SKD hat ein Ferninterview mit dem Totalverweigerer Mehmet Tarhan geführt, der auch nach der 2. Verhandlung am 26. Mai in Sivas in Untersuchungshaft geblieben ist. Die Antworten hat Mehmet Tarhan über seine Anwälte an den Verein geleitet. Dies ist eine verkürzte Übersetzung aus der türkischen Sprache.
"Ich möchte zunächst betonen, dass ich das aufschreibe, was mir als Erstes in den Sinn kommt. Denn Sätze, über die ich lange nachgedacht habe, werden nicht mehr mir gehören."
Frage: Was heißt Totalverweigerer? Können Sie das anhand Ihrer Haltung erklären?
"Ich sehe den Begriff Totalverweigerung innerhalb der Verweigerung aus Gewissensgründen (Kriegsdienstverweigerung = KDV). KDV bedeutet, dass jemand aus religiösen, politischen, moralischen oder anderen Gründen den Wehrdienst ablehnt. KDV kann auf vielen Dingen beruhen, aber im Kern ist es die Freiheit, dass ein Mensch sein Leben nach seinen Wünschen organisieren kann. Totalverweigerung bedeutet banal gesagt, auch eine 'zivile' Alternative zum Wehrdienst abzulehnen. Ein Totalverweigerer versteht unter Militarismus nicht nur das Militär, sondern das Netz von hierarchischen und diskriminierenden Beziehungen im gesellschaftlichen Leben. Ich versuche mein Leben so zu gestalten, dass ich außerhalb dieses Beziehungnetzes bleibe. In meiner Erklärung und nach meiner Verhaftung am 8. April lehne ich auch Sonderregelungen (Verschiebungen, Bewährung, Urlaub…) ab. Ich habe keinen Zweifel an der Legitimität meiner Haltung gegen Entscheidungen gegen meinen Will, selbst wenn die Gesetze und Vorschriften diese Legitimität nicht anerkennen. Totalverweigerung ist die Forderung nach der Auflösung von Vereinbarungen zwischen Personen und der Gesellschaft oder dem Staat oder unter den Staaten."
Frage: Welche Reaktionen kamen, als Sie nach der Festnahme sagten, Sie seien ein Totalverweigerer?
"Das hat nur Verwirrung ausgelöst. Einige haben wohl gedacht, dass ich verrückt bin. Später haben die Menschen sich wohl dahingehend verständigt, dass ich ein Terrorist sei. Einige Polizeibeamten sprachen von 'Freikaufen' (verkürzter Wehrdienst bei Zahlung von 10.000 Euro) und waren verwirrt, als ich sagte, dass ich keinen Preis zahlen werde. Von der Beamten auf der Wache bis hin zu den Wärtern im Gefängnis sagten viele, dass ich 'einen Preis zahlen müsse, wenn ich das Brot dieses Vaterlandes esse'. Ich habe nur gefragt, wer das Brot denn backt. Wer ist wem was schuldig? Was ist das Vaterland? Je mehr Fragen ich stellte, um so eher waren die Gespräche beendet. Den Soldaten, die mich bei der Verlegung begleiteten, wurde verboten, mit mir zu sprechen. Das zeigt deutlich die Haltung der Herrschenden gegenüber Totalverweigerung. Ich denke, es ist Angst."
Frage: Haben Sie im Gefängnis oder unter den Soldaten Unterstützung gefunden? Wie waren die Reaktionen?
"Weder im Gefängnis noch in einen Nacht Haft in Tokat hat es von den Gefangenen oder diensthabenden Soldaten eine negative Reaktion gegeben. Sie stellten neugierige Fragen zum Thema."
Frage: Gab es schlimme Reaktionen im Gefängnis, Gewalt oder verbale Belästigung…?
"Es gab schlimme Reaktionen. Es war zu Zeiten der Flaggenkrise und Ereignisse in Kardak und Trabzon als ich als Vaterlandsverräter und Terrorist bezeichnet wurde. Die Beeinflussung der Leute in meiner Umgebung hat mir ziemlich Angst gemacht. Es gab am ersten Abend im Gefängnis sogar einen Lynchversuch. Hier wurden rechtliche Schritte eingeleitet. Was Hoffnung macht ist die Tatsache, dass die Herrschenden, die die Gefangenen aufwiegelten, um ihre Hände nicht schmutzig zu machen, ihr Ziel nicht erreicht habe. Derzeit habe ich mit den Gefangenen keine Probleme. KDV oder Totalverweigerung führt bei den Wehrdienstgeschädigten, die zum Militärdienst gezwungen werden und bei den Gefangenen zu offener oder indirekter Unterstützung."
Frage: Es haben sich viele Unterstützergruppen gebildet. Was halten Sie davon?
"Ich wusste, dass es Unterstützergruppen geben würde, aber habe nicht mit soviel Einsatz und so breiter Teilnahme gerechnet. Es ist eine Situation, in der sich das Leben im Gefängnis fast aushalten lässt."
Frage: Der Staatsanwalt hat Sie ins Krankenhaus überwiesen, als sich herausstellte, dass Sie schwul sind. Der erwartete Bescheid über Untauglichkeit kam aber nicht? Wie bewerten Sie das?
"Offiziell wurde ich aufgrund der Strafprozessordnung ins Krankenhaus geschickt (Untersuchung zu Anfang und Ende der Polizeihaft, DTF), aber es ist offensichtlich, dass es um Untauglichkeit (im Türkischen: Verfaultheit) ging. Ich habe im Krankenhaus die Untersuchungen abgelehnt und gesagt, dass Homosexualität nicht pathologisch definiert werden kann. Ich sollte ein Formblatt unterschreiben, habe aber 'ich akzeptiere alle Eingriffe' durch 'ich lehne alle Eingriffe ab' ersetzt. Ich wurde zur Allgemeinmedizin zur Analuntersuchung geschickt und habe auch dort die Untersuchung abgelehnt. Ich sollte noch sagen, dass im Militärkrankenhaus von Sivas nach einem Foto gefragt wurde. Ich habe gesagt, dass es weder für Heterosexualität noch Homosexualität einen Nachweis gibt und niemand danach fragen dürfe, da es keine Krankheit sei. Ich wurde eine Woche unter Beobachtung gehalten und danach hat ein Ärzteteam festgestellt, dass ich nicht 'verfault' (untauglich) sei und bestraft werden könne."
"Dieses Attest ist für die militärische Psychiatrie eine Revolution. Selbst wenn ich es ablehne, so werde ich in den Papieren als Infanterist bezeichnet, d.h. es gibt derzeit offiziell einen schwulen Infanteristen in der Armee. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass ich als nicht schwul eingestuft wurde…
"In der psychiatrischen Abteilung wurde jede Beschwerde als Vorwand betrachtet, um dem Militärdienst zu entgehen. Fast alle dort untergebrachten Soldaten bekamen in Mittel, das als 'Beton' bezeichnet wurde. Die Schwestern sagten mir, dass es eine abschreckende Wirkung habe. In der Tat führte das Medikament zu Krämpfen und Patienten, die zuvor behandelt werden wollten, baten um ihre Entlassung aus dem Krankenhaus. Aufgrund der Abgeschlossenheit (von der Außenwelt) herrscht im Militärkrankenhaus Willkür vor, so dass ich bei der Feststellung der Untauglichkeit für Schwule mir in der nächsten Zukunft keine Veränderung vorstellen kann. Erst glaubt man nicht, dass jemand schwul ist; dann soll ein Beweis erbracht werden. Wer das tut, ist untauglich, wer keinen Beweis erbringt ist heterosexuell. Solange die Schwulen diese Erniedrigung zum Erhalt einer Untauglichkeitsbescheinigung akzeptieren, wird sich nicht ändern, denke ich."
Frage: Welche Dimension hat Heterosexismus in der Armee? Waren Sie mit homofobischem Verhalten konfrontiert?
"Die Armee war immer eine männliche Einrichtung und das ist in der Türkei nicht anders. Heterosexismus ist nicht nur in der Armee, sondern überall so weit verbreitet, dass es nicht einmal bemerkt wird. Als ich auf der Krankenstation der Einheit in Tokat untersucht wurde, fragte einer nach den Organisationen, mit denen ich in Verbindung stehe. Er meinte andere Organisationen, aber ich habe ihm etliche Organisationen genannt, mit denen ich zu tun hatte. Dabei habe ich auch KaosGL und Lambda Istanbul erwähnt. Ich habe Informationen zu den Gruppen gegeben und natürlich auch gesagt, dass es schwule Organisationen sind. Aber ich wurde nicht gefragt, ob ich schwul bin. Jeder (und natürlich ich auch) hat heterosexuell zu sein. Der Satz in meiner Deklaration hat sogar in den Augen der schwulen Gruppen, mit denen ich zusammen arbeite, meiner Heterosexualität nicht geschadet. Ich entsprach nicht dem schwulen Typ in ihren Köpfen und fast hätten sie mich noch schwören lassen. Es mag komisch erscheinen, aber für mich ist das verletzend. Aus vielen Mündern kommt das Wort 'schwul' (im Türkischen ein neues Wort mit der Bedeutung 'gleich geschlechtlich' verwandt) nur mit gedämpfter Stimme. Ohne mich zu fragen, wird sich vorher entschuldigt. Natürlich sind Schimpfwörter in der Gesellschaft weit verbreitet und die Angewohnheit des Fluchens ist auch in der Armee verbreitet. Um welche Worte es sich handelt, ist wohl bekannt."
Frage: Haben Sie eine Botschaft an die UnterstützerInnen außerhalb des Gefängnisses?
"Ich hatte mir eine derart gute Kampagne nicht vorgestellt, so eine Solidarität… Ich fühle mich in gewisser Weise sehr gut und das schulde ich der Tatsache, dass meine Stimme auf Widerhall gestoßen ist. Ich möchte mich den Leute bedanken, die sich abmühen, mich und meine Aktion unterstützen. Ich glaube noch mehr daran, dass eine Zeit kommen wird, in der wir alle frei sein können."
Frage: Haben Sie eine Botschaft an Menschen in ähnlicher Situation, die nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen?
"Es ist falsch, für den Frieden Krieg zu führen, aber dafür lassen sich viele Dinge machen. Ich habe schon einmal gesagt, dass es sehr schwer ist, ein Leben gegen die Ansichten und das Gewissen zu führen. Ich habe das anscheinend Einfache gewählt und wende mich nicht dagegen, wenn dies als Feigheit angesehen wird. Angst ist kein minderwertiges Gefühl; mir scheint dass Morde und die Vorwände für die Verherrlichung der Gewalt das Minderwertige ist. Wenn die Menschen schauen, was sie wofür eingesetzt haben, sollen sie auch daran denken, dass sie auch ihren inneren Frieden mit einbeziehen. Bevor sie Schulden begleichen, die ihnen zugeschrieben werden, sollen sie erst einmal nach dem warum fragen. Ich bin eine besondere Person und die restlichen 7 Milliarden Menschen auf der Erde sind alle für sich sehr besondere Personen…"
Frage: Für den türkischen Menschen ist die Kultur des Gehorsams selbstverständlich und seine Vergangenheit liegt in der Knechtschaft. Welcher Weg kann eingeschlagen werden, um KDV als eine Haltung des zivilen Ungehorsames akzeptabel zu machen?
"KDV schließt in vieler Hinsicht einen Bruch mit den Gewohnheiten ein. Erst einmal zeigt es, dass kriegerisches Gehabe nicht allgemein in der Natur von allen liegt. Die Menschen glauben allgemein an die Richtigkeit und Natürlichkeit dessen, was die Mehrheit macht und woran sie glaubt… Die schlechte Seite an der Findung des Individuums ist, dass dadurch die Gesellschaft mit abstrakten Symbolen wie der 'Flagge' oder 'Ehre' zum Mob werden kann. Der Instinkt, zu einer Gesellschaft gehören zu wollen, wird mit abstrakten Symbolen erzeugt und bringt Gehorsam mit sich… Wenn sich herausstellt, dass die BürgerInnen gleiche Rechte an dem 'Staat' (oder Regime) haben, dann werden die Individuen beginnen, diesen (gesellschaftliche) Vertrag zu hinterfragen und KDV wird sich ausweiten…"
Frage: Die Medien übersehen die KDV'ler. Wie wird auf diese Politik des Übersehens Einfluss genommen (Druck des Staates, Nahrung durch Militarismus…)?
"Die Ignoranz der Medien ist eine einfache Verlängerung der Staatspolitik. In einem Land, wo die wichtigen Medienvertreter auf Kriegsakademien geschult werden, wo die Armee nicht nur der Gründer sondern auch der Inhaber des Regimes ist und im Dienste dieses Regimes gegen das Volk agiert, ist ein solches Verhalten der Medien erklärlich. Wir können es als Gegenseitigkeit bezeichnet, von der beide Seite ihren Vorteil haben. Eine andere Erwartungshaltung wäre naiv."
Frage: Die KDV'ler verstecken sich nicht und rühren an einer Wunde. Der Staat aber ignoriert sie bewusst. Warum geht der Staat nicht gegen die kleine Zahl von KDV'ler gleichzeitig vor?
"Wir leben in einem Land von Totenliebe und Opferverherrlichung. Geduld und Aushalten sind stärker akzeptiert als Beharrlichkeit, Ehrgeiz und Kampf. Der Staat zieht anstelle von Formen der Gewalt, die zu Reaktionen führen könnten, es vor, die KDV'ler als System zerstörende 'Vaterlandsverräter' ins Gefängnis zu stecken… Er zieht es vor, sie vor dem Volk zu entfremden und zu marginalisieren."
Frage: Die türkische Linke und Opposition ist auf Distanz zu KDV. Was könnte der Grund dafür sein, dass KDV'ler als 'aliens' behandelt werden?
"Leider versucht die Opposition und die Linke in unserem Land die Probleme vollständig auf der Basis des Regimes zu lösen, d.h. sie wollen selber herrschen… KDV ist eine individuelle Aktion und Individualismus kann als unwichtig oder aufgeblasen betrachtet werden und als negativ gelten…"
Frage: In dem Verfahren gegen Sie wird wie in allen Verfahren zuvor nicht von KDV gesprochen. Die Anklage lautet auf 'Befehlsverweigerung, um sich dem Militärdienst zu entziehen'. Warum macht ein Gericht das, obwohl es weiß, das Sie ein KDV'ler sind?
"Diese Frage kann ich nicht beantworten, aber vielleicht ist es eine Antwort, dass es KDV in den Gesetzen nicht gibt. Der Staat sagt 'du bist ein Soldat' und ich beharre auf mein 'Nein'. Wer wem Befehle gibt und geben darf ist auch geregelt. Es ist eine Demonstration der Macht, die mir gegenüber keinen Erfolg hat, aber ich bin nicht das einzige Ziel…"
Frage: Was hat es mit der 'Betonspritze' auf sich?
"Die Soldaten, die in die psychiatrische Klinik kommen, erhalten täglich zwei Dosen. Je nach Wirkung werden die Dosen verstärkt oder vermindert. Für Untersuchungshäftlinge gibt es eine andere 'Klinik' (im oberen Teil des Krankenhauses), wo diese Methode nicht angewendet wird.
"Die Wirkung wurde mit extremen und lang anhaltenden Krämpfen beschrieben. Die Person verliert die eigene Kontrolle und kann seinen Kopf nicht mehr tragen. Der Kiefer verrutscht und Speichel kommt aus dem Mund. Alle Extremitäten sind außer Kontrolle und die Person ist halb bei Bewusstsein. In schweren Fällen wird Akineton als Gegenmittel gegeben.
"Morgens gegen 8 Uhr wird die erste Dosis verabreicht. Gegen 21 Uhr gibt es die zweite Dosis. Gegen 15 bis 16 Uhr nehmen Bewusstseinsstörungen und Krämpfe ab, aber nur bis zur 2. Dosis."

Mehmet Tarhan
Temeltepe / Sivas

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