|
|
Sonderberichte
für das Jahr 2005
20.04.2005: Meinungen zum
Staat im Staate (derin devlet)
Hürriyet vom 08.04.2005
Der Staat im Staate wird
arbeitslos werden (!)
M. Ali Birand
Seit Jahren bemühen
wir uns herauszufinden, aus welchen Personen der „Staat im Staate“ (derin
devlet) besteht. Dabei wussten wir alle, dass wir um die Sache herumredeten,
weil wir sie nicht offen aussprechen konnten. In den 60-70er Jahren wurde
darüber gesprochen unter der Formel „es soll ihn zur richtigen Zeit
geben“. Später sprach man nach und nach von „Lebenskräften“ (zinde
kuvvetler).
Nach dem Susurluk-Vorfall
wurde in den letzten Jahren der Name „derin devlet“ geläufig. Aber
wer sind nun die Beteiligten? Jeder stellt dies anders dar.
Man verhält sich, als
müsse man einen Elefanten beschreiben. Mit Gottes Hilfe sind nun einige
bekannt geworden, die die Sache kennen, der Bereich wurde etwas mehr erhellt.
1. Politisches Vakuum
(bosluk)
Für die schrittweise
Entstehung und Belebung des Staates im Staate gibt eine Vorbedingung:
die politische Instabilität.
Zerrüttete Koalitionsregierungen,
wiederholte Unmöglichkeit des Regierungsbildung, persönlich befeindete
Führer.
Dieses Umfeld reicht aus,
um den Staat im Staate hervorzubringen. Manchmal spielten (wie bei Tansu
Ciller) trotz absoluter Mehrheit einige Parteiführer, die die Entscheidung
dem Militär überließen (wie den Kampf gegen die PKK und
die Entgleisung des Nordirakpolitik), bei der Ausbreitung des "Derin Devlet"
eine Rolle.
2.Bedrohung des laizistischen
Systems:
Den zweiten wichtigen Grund
für die Ausbreitung des Staates im Staate stellen die Entwicklungen
dar, die das laizistische System gefährden. Dabei ist aber nie klar,
worin diese Entwicklungen bestehen. Mal ist eine Partei der Gegner, die
die Religion auf ihre Fahnen schreibt, mal reichen die Erklärungen
eines Koalitionspartners. Die Grenzen des „Gefahr“ sind unklar.
3.Das Militär als
Symbol:
Die Militärs sind die
im Vordergrund stehenden Vertreter des Staates im Staate. Sie werden tätig,
geben das Startsignal und nehmen letztlich die Sache in die Hand.
Sie sind die Einrichtung,
die ständig „angefordert“ wird und Applaus erhält aufgrund ihrer
inneren Organisiertheit, ihrer Geheimdienste, Bewaffnung und –was am wichtigsten
ist- aufgrund des öffentlichen Prestiges der Vertrauenswürdigkeit.
Aber die Militärs sind nicht allein. Das Militär bereitet den
Boden für eine Intervention, aber es wird auch tätig anlässlich
von „Signalen“, „Botschaften“ und „Aufrufen“ verschiedener anderer Einrichtungen.
Das Militär sieht sich
als Schutzherr der laizistischen Republik und traut den Politikern nicht
(wie sehr sie auch immer in Wahlen bestätigt werden. Es glaubt es
habe das Recht, erforderlichenfalls zu intervenieren und sie alle hinwegzufegen.
Es kommt hinzu, dass ein großer Teil der Gesellschaft diese Rolle
akzeptiert. Bleibt die Intervention –auch nur zeitweise- aus erfolgt die
Kritik der anderen Beteiligten am Staat im Staate.
4.Die anderen Beteiligten
am Staat im Staate:
Die anderen freiwilligen
Mitkämpfer des „Staates im Staate“ sind: Die Kader des Laizismus,
die pensionierten Militärs, aktive und pensionierte Richter und Staatsanwälte,
Sozialdemokraten (CHP-DSP) und unter ihnen die Ulusalcilar (Nationalisten),
die den extremistischsten Nationalisten und Linken Heimat geben, einige
Universitätsprofessoren, einige Unternehmer, die bekannten Namen aus
den Medien. Es ist eine breite und einflussreiche Szene.
Die Freiwilligen stacheln
das Militär an und beteiligen sich an Aktivitäten, die vom Militär
gesteuert werden. Polizei und Justiz einerseits und Medien andererseits
arbeiten koordiniert. Wir können dies mit einer Saug-Druck-Pumpe vergleichen.
5.Wie wird das Drehbuch
umgesetzt?
Wo sich im Land ein Vakuum
oder ein Durcheinander auftut, sieht man in bestimmten Bereichen gleich
die ersten Inszenierungen. Die Gerüchteküche kocht.
Dann fangen die Medien an
zu fragen „Das Vaterland geht unter, mein General, wo bleibst Du?“ Die
Kommandanten lassen verlauten, dass sie „die Lage verwerten“. Polizei und
MIT lassen –falls nötig- ihre (taseron) Agenten tätig werden.
Staatsanwälte und Richter
werden „gebrieft“. Die Justiz hört die Signale und wird tätig.
Der Staatsanwalt klagt die
so definierten Gegner an der Richter bestraft sie.
So funktioniert der Staat
im Staat..
(Es folgt die Wertung, dass
dies den jetzigen Verhältnissen nicht mehr entspricht.)
Cumhuriyet vom 14.04.2005/
„Staat im Staate“ -Possenspiele
Toktamis Ates
Die „Verantwortlichen“ mit
den blutigen Händen aus einer blutigen Ära, die sich hinter einem
Täuschungsbegriff wie „derin devlet“ verstecken, fanden in den letzten
Wochen eine interessante Gelegenheit, sich rein zu waschen.
Ich habe es sehr bedauert,
dass der den Journalismus achtende und in seiner Persönlichkeit von
mir geschätzte Kollege Yavuz Donat Kenan Evren und Süleyman Demirel
diese Möglichkeit eingeräumt hat.
Eine andere Komödie
ist gleichzeitig, dass der Begriff „ derin devlet“ im „Wörterbuch
des Türkischen“ des Rates für Türkische Sprache in einer
verfälschten Form auftaucht. Das Wörterbuch gibt folgende Bedeutung
an : „Eine verdeckte und unsichtbare Macht, die angibt, sich um die Belange
des Staates zu bemühen“...
(Es folgen Zitate aus den
Angaben von Kenan Evren gegenüber Yavuz Donat, zunächst zur Lage
vor dem Militärputsch 1980.)
Kenan Evren führt weiter
aus:
„Wenn der Staat Schwäche
zeigt, greift der derin devlet von sich aus ein, anstelle der Regierung,
die Schwäche zeigt. Es stimmt. Es gibt den derin devlet“.
...(wieder Toktamis Ates:)
Das einzige Land in der
Welt, welches einen solchen „Putsch“ erlebt und die Putschisten nicht zur
Rechenschaft gezogen hat, ist die Türkei... Die Schuld daran trägt
Demirel, der mit der Zusage, Rechenschaft zu fordern angetreten war und
später mit der Begründung, an der Spitze des Staates dürfe
es keinen Streit geben, davon abrückte...
Hürriyet vom 18.4.2005
Der Staat im Staate ist
der Soldat des Staates
In seiner gestrigen sehr
aufsehen erregenden Erklärung sagte der frühere Staatspräsident
Süleyman Demirel: „Der Staat im Staate ist der Soldat des Staates.“
In dem Programm „Die Kulisse von Ankara“ auf CNN-Türk, in dem zum
ersten Mal auch die Vertreterin von Hürriyet in Ankara Nur Batur auftrat,
gab Demirel eine wichtige Erklärung ab. In der Türkei gebe es
manchmal Aktivitäten, die die Öffentlichkeit beunruhigten. Ein
Teil von ihnen sei gelegentlich sehr ernst und gelegentlich auch an der
Oberfläche. Demirel sagte, man müsse diese Dinge auseinander
halten. Demirel betonte, dass einige der die Öffentlichkeit beunruhigenden
Aktivitäten nicht unter der Herrschaft des Rechts geführt werden
könnten, und antwortete auf die Frage, was der Staat im Staat sei:
„Wenn die Gesetze nicht ausgeführt werden können, dann geht das
Land verloren (elden gidiyor), der unter unendlichen Mühen aufgebaute
Staat geht verloren, der Staat im Staate umklammert den Staat. Der Staat
im Staate ist das Selbst des Staates, sein Soldat. Die Militärs, die
seit der Offiziersbewegung von Halaskar 1912 diesen Staat aufgebaut haben,
lebten in der ständigen Angst vor seiner Zerstörung. Wir sind
zur Demokratie übergegangen. Die Straßen sind frei, sagten wir.
Wir sagten Demonstrationen ohne Waffen und Angriffe sind frei. Alle Demonstrationen
sind frei. Als es zum Missbrauch dieses Rechts kam, gingen die Inhaber
dieses Rechts hin und nutzen es zum Krieg mit der Polizei. Das war nicht
das Recht. Es war sein Missbrauch. Aber der Gegenüberstehende sieht
es als Recht an.
Das Bedürfnis nach
einem Staat im Staate rührt aus der Unregierbarkeit des Landes...
Früher hat die Türkei
bei Unregierbarkeit den Ausnahmezustand ausgerufen. Von 80 Jahren der Republikgeschichte
hatten wir 40 Jahre Ausnahmezustand oder Kriegsrecht. Es ist ein Land,
das nicht leicht zu verwalten ist. Aber heute ist es falsch, wegen jeder
Sache gleich den Ausnahmezustand auszurufen. Denn früher hatte die
Türkei keine mächtige Polizei. Heute hat die Türkei eine
mächtige Polizeimacht. Der Staat im Staate ist nicht aktiv, solange
nicht nach ihrer Auffassung der Staat an die Grenze der Zerstörung
gebracht wurde. Sie sind kein Staat für sich. Wenn sie den Staat in
die Hand nehmen, sind sie der Staat im Staate. Dann gibt es keinen Staat
mehr.
Evrensel vom 19.4.2005
Es gibt welche, die JITEM
fortführen wollen
Der JITEM-Killer Abdulkadir
Aygan erklärte, die eigentlich Verantwortlichen seien noch im Amt...
Die wirklich Schuldigen sind bekannt. Sie sind es, die weiterhin im Amt
sind. Immer noch verleiht der Staatspräsident die Verdienstmedaille
an einen pensionierten Oberstleutnant, der vor unseren Augen drei kurdischen
Jugendlichen Necati Aydin,
Ramazan Keskin und Mehmet Ay Kugeln in den Kopf gejagt hat... In der Türkei
gibt es immer noch welche, die nach der Logik der JITEM verfahren. Es gibt
welche, die diese Mission weiterführen wollen. Es gibt immer noch
eine Haltung, diese schlimmen Dinge zu vertuschen...
|