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Bia vom 19.05.2004
Fatma Koçak: Homosexuelle werden als “Kranke” behandelt
Die einzige Institution in der Türkei, die Homosexualität kennt, ist die Armee. Homosexuelle sind vom Wehrdienst ausgeschlossen. Sie werden ausgemustert, wenn sie an dieser “Krankheit aufgrund einer psychosexuellen Störung” leiden. Dazu werden einige Tests durchgeführt, was mit einem Aufenthalt in der psychiatrischen Abteilung eines Militärkrankenhauses einhergehen kann. Zum Nachweis des Analverkehrs kann auch der After untersucht werden. Wenn all dies die Homosexualität nicht belegt, dann kann von den Schwulen, die keinen Militärdienst machen wollen, verlangt werden, dass sie ihre Veranlagung durch Fotos oder Videos von einem Geschlechtsakt mit einem gleichgeschlechtlichen Partner nachweisen.
A.D. aus Izmir war jemand, der Fotos vom Geschlechtsakt mit seinem Freund beibringen musste. Er berichtete: “Als die Musterung anstand, bin ich zur Kommandantur für die Ägäis gegangen und habe gesagt, dass ich wegen Homosexualität als untauglich eingestuft werden möchte. Sie sagten mir, dass ich im Militärkrankenhaus eine Reihe von Tests machen müsste. Ich habe mir dazu besonders enge Kleidung angezogen und mich geschminkt, damit ich feminin aussehe. Dann wurden sehr veraltete Tests an mir durchgeführt und mir wurde gesagt, dass sich nichts Anormales ergeben habe. Sie wollten, dass ich Fotos von Sex mit meinem Freund bringen solle. Ich habe dann einen Bekannten gebeten, diese Fotos von uns zu machen. Ich werde mir nie verzeihen, dass ich für den Erhalt der Ausmusterung meine sexuelle Neigung als Krankheit hinstellen musste und dies auf eine solch hässliche Art getan habe. Die Fotos haben überzeugt und ich wurde als untauglich eingestuft.”
Deniz Yildiz von der Inititiative der homosexuellen Gesellschaft in Lambda sagte, dass er in 20 Tagen bei 4 Krankenhäusern war, um den Nachweis zu führen. “In jedem Krankenhaus kommt es auf die Prozedur und den Arzt an, welches Ergebnis erzielt wird. Ich war zum Wehramt in meinem Geburtsort Gemlik gegangen, um den Antrag zu stellen. Ich war in 4 Krankenhäusern, aber nirgendwo gab es die Möglichkeit, mit der die erforderlichen Untersuchungen gemacht werden konnten. Schliesslich haben sie mich zur Militärischen Medizinakademie Gülhane geschickt. Dort wurde der überaltete Test der persönlichen Ausstattung (Minnesota Multiphasic Personality Inventory = MMPI) und ein QS Test, mit dem die sexuelle Neigung bestimmt werden soll, durchgeführt. Des weiteren wurde mir eine Reihe von Fragen gestellt, wie ‘Wolltest du jemals eine Frau sein?’, ‘Hast du Sex für Geld gemacht?’ Mit dem Ergebnis wurde ich dann einer Kommission vorgestellt und nach 20 Tagen hatte ich den Bescheid über Untauglichkeit in der Hand.”
Der Student Kadir Yilmaz weiss noch nicht, wie er sich entscheiden soll. Er möchte nicht als krank gelten, kennt aber viele Freunde, die diesen Weg beschritten haben, weil sie gegen den Militärdienst sind, es aber kein Recht auf Kriegsdienstverweigerung gibt.
Mehmet Tarhan ist ein Verweigerer aus Gewissensgründen. Er sagte, dass er viele Schwulen kenne, die zum Militär gehen wollen. Zu sich selber bekennt er: “Ich habe den Kriegsdienst nicht verweigert, weil ich schwul bin. Dazu hat mich ein langer Prozess geführt. 1996 wurde ich als Beamter nach Lice geschickt und sah als junger Mensch, was die Menschen durch die harten Bedingungen eines Krieges verlieren. Die Bescheinigung über Untauglichkeit (im Türkischen mit der Bedeutung von “Verfaultheit”, DTF) habe ich als Fäule des militärischen Systems aufgefasst. Es ist vielleicht ein übertriebener Vergleich, aber wenn jemandem der Kauf von Zigaretten nicht gestattet wird, weil er schwul ist, soll er dann sagen ‘Danke. Zigaretten schaden sowieso der Gesundheit’ und gehen? Wenn mir jetzt gesagt wird, du taugst für den Dienst nicht, soll ich da sagen ‘ich bin sowieso ein Anti-Militarist?’ Die Logik, die mich als behindert hinstellt, muss hinterfragt werden.”

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