Zur Ermordung von 5 Dorfbewohnern

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Datum 030727
Sprache Deutsch

Ermordung von 5 Dorfbewohnern

Bevor der Bericht des IHD am 29. Juli veröffentlicht wurde, schrieben Tageszeitungen über den Vorfall und beriefen sich dabei auf angebliche Stellungnahmen des IHD. Darauf reagierte Selim Cürükkaya im Online Forum Rizgari am 27. Juli.

Das DTF ist ebenfalls sehr spät in den Besitz des IHD Berichts gelangt. Er soll dennoch am Anfang stehen, um die Vorwürfe von Herrn Cürükkaya besser einordnen zu können. (vgl. auch erste Nachricht im Wochenbericht 29/2003)

Presseerklärung des IHD vom 29.07.2003

Zum Massaker im Weiler Pul

Am 10. Juli 2003 wurden im Weiler Karakoc (Pul), das zum Dorf Yumakli (Pakuni) in der Provinz Bingöl gehört, 5 Menschen umgebracht. Der Menschenrechtsverein IHD hat eine Delegation zusammengestellt und den Vorfall am 22. Juli untersucht. Der IHD wendet sich gegen eine solche Tat und verurteilt sie, unabhängig davon, wer sie begangen hat. Das mögen offizielle Stellen sein oder solche, die sich diesen Anschein geben. Es können aber auch bewaffnete Organisationen wie die KADEK sein. Der Bericht im Einzelnen:

Die Delegation setzte sich aus Mihdi PERI.NÇEK, vom Zentralvorstand, Ridvan KIZGIN, Vorsitzender der Zweigstelle Bingöl, Selahattin DEMI.RTAS,, Vorsitzender der Zweigstelle Diyarbakir und die Vorstandsmitglieder des IHD aus Diyarbakir und Bingöl Ayla AKAT und S,evket TURAN zusammen. Die Delegation hat mit den Dorfbewohnern gesprochen, die anonym bleiben wollten. Die Delegation ist auch an die Orte des Geschehens gegangen. Die Erschiessung von 4 Dorfbewohnern geschah an einer Stelle, die 25 Minuten Fussweg vom Dorf entfernt ist. Mahmut Kaya wurde in einem Flussbett unterhalb des Dorf ermordet. Die Dorfbewohner haben folgendes erzählt:

"Am 15. Juni waren in der Nähe des Dorf gegen 21 Uhr Waffen zu hören. 6 Personen kamen in das Dorf. Sie gaben sich als Mitglieder eines Sonderteams aus. Sie forderten Mahmut Kaya und Filit Acar auf, einen Maulesel zu besorgen und befahlen ihnen, zwei Leichen, die an dem Pfad am Dorfeingang lagen, auf den Maulesel zu laden und zum Dorf Yumakli zu bringen. Das haben die zwei Männer gemacht. Es war ein ungewöhnlicher Vorfall, aber niemand von uns wurde zu dieser Sache vernommen.

Am 10. Juli kamen vier bewaffnete Männer gegen 20 Uhr zu Mahmut Kaya. Bei ihm befanden sich Bilal Özmen (14) und Turan Öztürk (19). Die bewaffneten Männer hatten Guerillakleidung an und trugen Kaleschnikovs. Sie stellten sich als Dorfschützer vor und sprachen untereinander Türkisch. Sie nahmen dann Mahmut Kaya beiseite und zwei bewaffnete Männer gingen mit den Jugendlichen an den Rand des Dorfes, wo sie ca. eine halbe Stunden unter einem Baum sassen. Nachdem die anderen zwei mit Mahmut Kaya hinzugekommen waren, fragten sie nach dem Haus von Ahmet Acar. Sie fragten nach einem Hüseyin Özmen, der im Dorf aber als Giyasettin Özmen bekannt ist. Die Dorfbewohner sagten, dass er seit 20 Tagen nicht da sein, aber die bewaffneten Personen wussten, dass er an dem Tag aus Bingöl gekommen sei.

Vor dem Haus von Ahmet Acar liessen die Männer die Jugendlichen gehen. Sie nahmen Ahmet Acar mit und auch dessen Sohn Erdal, weil er nicht wollte, dass sein Vater mitging. Dann holten sie Giyasettin Özmen (Hüseyin Özmen) ab und verliessen das Dorf. Den Bewohnern sagten sie, dass ihr Kommandant auf einer Anhöhe sei und die Männer nach einem Verhör zurückkommen würden. Wenn nicht, könnten sie sich am nächsten Tag gegen Vorlage der Ausweise auf der Wache abholen. Die Frau von Ahmet Acar hat sodann den Schwiegersohn Haci Kaya benachrichtigt. Dieser sagte, dass er nur mitgehen würde, wenn es sich um Militante (Guerillas) handele. Die Frau sagte, dass es sich um Militante handeln könne. Erdal Acar sagte beim Verlassen des Dorfes in Zaza, dass die Männer ihnen nicht folgen sollten, weil sie sonst auch mitgenommen würden.

Die Gruppe wurde noch einmal gesehen, als Haci Kaya sie anscheinend noch nicht erreicht hatte.

Einige Frauen wollten folgen, wurden von zwei bewaffneten Leuten aber daran gehindert. Dann verschwanden die zwei bewaffneten Männer in der Dunkelheit. Nach 15 Minuten waren Schüsse zu hören. Die Frauen dachten, dass sie mit den Schüssen erschreckt werden sollten. Sie versuchten zwar, auf die Anhöhe zu gelangen, konnten bei der Dunkelheit aber nichts sehen.

Die Suche wurde um 5 Uhr fortgesetzt und dieses Mal wurden die 4 Leichen, unter ihnen auch Haci Kaya gefunden. Sie waren durch Schüsse in den Hinterkopf getötet worden. Mahmut Kaya wurden später in einem Flussbett unterhalb des Dorfes gefunden. Er war mit Steinen zugedeckt wurden und nur sein Kopf war sichtbar. Er lebte noch und die Dorfbewohner brachten ihn erst nach Bingöl und dann nach Elazig. Er erlag seinen Verletzungen nach 3 Tagen.

Die Gendarmerie wurde um 6 Uhr benachrichtigt. Sie kamen mit 3 Wagen und 15 Soldaten um 11.30 Uhr. Der Staatsanwalt kam um 12.30 Uhr und um 13.30 Uhr kam der Landrat. Ein Arzt und der Staatsanwalt inspizierten die Leichen und dann verliessen alle das Dorf. Eine Woche nach dem Vorfall fanden die Dorfbewohner ein Schlachtermesser in der Nähe des Ortes, wo Mahmut Kaya gefunden wurde. Sie nahmen es mit und wuschen das Blut ab.

Feststellungen:

Die Dorfbewohner haben die bewaffneten Männer am 10. Juli zum ersten Mal gesehen. Sie sprachen untereinander Türkisch und nur einer konnte Zaza. Die Guerillakleidung war neu und sauber. Die Dorfbewohner haben ernsthafte Zweifel, dass es ich um Guerillas gehandelt hat. Mahmut Kaya wies Schnittwunden auf und wurde mit Steinschlägen auf den Kopf ermordert. Die Dorfbewohner wollen wissen, von wem das Massaker begangen wurden. Dazu muss eine ernsthafte Ermittlung angestellt werden. Dazu gehört die Zeugenvernehmung und das Auffinden von Fingerabdrücken. Die Sicherheit der Dorfbewohner muss gewährleistet werden.

Dazu Selim Cürükkaya (27.07.2003):

Das Dorf Pul gehört zur Stadt Yamac in der Provinz Bingöl. Ich habe von dem Vorfall am 8. Juli erfahren, 5 Stunden nachdem es passiert war. Das Dorf Pul war das Nachbardorf zu dem Dorf, in dem ich geboren wurde. Im Jahre 1970 wurden die Dörfer nach einem Erdrutsch zusammengelegt. Im eigentlichen Dorf Pul gibt es nur noch 6 Häuser. Da wir seit 32 Jahren zusammen leben, gehören wir zusammen. Daher hat die Nachricht mich auch sofort erreicht. Bei meinen ersten Anrufen habe ich nur mit Frauen sprechen können, weil alle Männer an den Ort des Geschehens gegangen waren. Schon die erste Frau sagte mir in Zaza: "Die Kinder der Berge haben es getan, ich schwöre. Aber sage es niemandem Selim."

Nach meinen Erkenntnnissen hat sich der Vorfall folgendermassen zugetragen. 22 Tage vor dem Vorfall wurden in der Nähe des Dorfes Pul zwei Guerillas von Soldaten der türkischen Gendarmerie umgebracht. Erdal Acar und Mahmut Kaya arbeiteten etwas unterhalb des Dorf und sind aus Angst vor den Schüssen in ihre Häuser gelaufen. Das sahen die Soldaten und haben das Haus umstellt, weil sie sie für Guerillakämpfer hielten. Als sie feststellten, dass es einfache Dorfbewohner waren (von denen Mahmut Kaya nicht ganz richtig im Kopf ist), haben sie sie aus dem Haus geprügelt und vor sich her zu der Stelle getrieben, wo die Leichen lagen. Gleichzeitig hatten sie einen Maulesel im Dorf beschlagnahmt. Sie zwangen die beiden Männer, die Leichen auf den Maulesel zu legen und bis zur asfaltierten Strasse zu bringen. Dort luden sie die Leichen auf ihre Wagen und verschwanden.

Erdal Acar und Mahmut Kaya gingen in der Dunkelheit bis in das Dorf Pakuni und erzählten den Bewohnern, was passiert war. Eine Woche nach diesem Vorfall kamen Guerillas in ein Nachbardorf von Pul. Die Bewohner dort kannten sie. Sie erzählten den Leuten, dass sie das Dorf Pul bestrafen werden, weil sie ihre Freunde verraten hätten. Auf der Liste standen: Erdal Acar (30), Ahmet Acar (50) und Mahmut Kaya (23). Die Bewohner des Nachbardorfes informierten die Leute im Dorf Pul, die aber nicht flohen, sondern dachten, dass ihnen nichts passieren würden, weil sie nichts falsch gemacht hätten.

Am 8. Juli kam dann eine 5-köpfige Guerillagruppe in das Dorf Pul und fragten den ersten Menschen, auf den sie trafen, nach seinem Namen. Als dieser "Mahmut Kaya" sagten, führten sie ihn mit der Bemerkung "wir haben nach dir gesucht und bringen dich auf die Wache" fort. In einem Flussbett haben sie ihn dann gelyncht. Sodann holten sie Erdal Acar und Ahmet Acar aus ihren Wohnungen. Frauen benachrichtgten Haci Kaya (55) und Hüseyin Özmen (55), die der Gruppe folgten. Am Ortsausgang soll Haci Kaya noch gesagt haben, dass er mitgehen werde, selbst wenn die Gruppe vorhabe, die Dorfbewohner zu töten.

Zwei Guerillas hielten die Frauen, die ebenfalls mitgehen wollten, zurück, während die anderen drei die Gruppe fortführten. Nachdem Schüsse zu hören waren, verschwanden die zwei Guerillas. Am Morgen machten sich die Bewohner des Dorfes auf die Suche und fanden die Leichen von Erdal Acar, Ahmet Kaya, Hüseyin Özmen und Mahmut Kaya, die durch Schüsse in den Kopf getötet worden waren. Mahmut Kaya war durch Schläge mit Steinen und Gewehrkolben schwer verletzt. Sein "Verbrechen" war, dass er über den Vorfall mit den getöteten Guerillas in der Form berichtet hatte, dass die Soldaten sie zwangen, "die Leichen wie Holz auf den Maulesel zu laden". Damit soll er die Guerillas beleidigt haben.

Alle wissen, wer das Massaker in Pul verübt hat, aber sie schweigen. Vertreter der Partei DEHAP haben nicht einmal einen Beileidsbesuch abgestattet. Beschlossen wurde die Sache auf Imrali (Insel, auf der der KADEK Führer Abdullah Öcalan inhaftiert sind, DTF). In einem Gespräch mit seinen AnwältInnen sagte er am 25. Juni, dass Dorfschützer die zwei Guerillas in Bingöl getötet hätten. Dem Volk wird erzählt, dass die Bewohner in Pul Verräter seien, aber offiziell bekennt die KADEK sich nicht zu den Morden. Sie haben sogar die Person mit Namen genannt, die die Guerillas verraten hat. Warum aber werden dafür 5 Menschen umgebracht? Wie steht es zudem um die Ablehnung der Todesstrafe?

Am Tag als ich von dem Vorfall hörte, wusste ich, dass DEHAP und der IHD zu der Sache schweigen würden. Sie haben sich sogar vor die Dorfbewohner gestellt und behauptet, dass es Quellen gebe, die wüssten, dass es Kontr-Guerillas waren. Sie haben den Betroffenen aber niemanden gezeigt, der das behauptet. Die Dorfbewohner haben der Delegation von DEHAP ein blutiges Messer übergeben, das bei Mahmut Kaya gefunden wurde. Die Leute von DEHAP haben das Messer genommen, das Blut und die Fingerabdrücke abgewischt und den Bewohnern gesagt, dass sie niemandem etwas sagen sollen.

Anm.: Nach einer Meldung in Özgür Politika vom 10.08.2003 soll gegen den Vorsitzenden der Zweigstelle Bingöl des IHD, Ridvan Kizgin, ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden sein, in dem ihm die Vernichtung von Beweismitteln vorgeworfen wird. Der Staatsanwalt in Bingöl soll diesen im Internet veröffentlichten Beitrag als Beweis gewertet haben.