Wochenbericht 35/2001

Aus DTF

Wechseln zu: Navigation, Suche
Wochenbericht 34/2001 - Übersicht Wochenberichte 2001 - Wochenbericht 36/2001

Milliyet/Radikal vom 25.08.2001
Tod in Polizeihaft

Der Gymnasiast Özgür Ünal (16) wurde am 23. August gegen 10 Uhr tot in seiner Zelle im Polizeipräsidium von Edremit (Balikesir) aufgefunden. Er war am Abend zuvor festgenommen worden. Zuerst wurde die Festnahme mit Mopedfahren ohne Führerschein, später mit Belästigung von Frauen begründet. Nach Darstellung des Polizeichefs von Balikesir, Kemal Iskender, dessen Namen im Zusammenhang mit Folter an den Jugendlichen von Manisa bekannt wurde, soll Özgür Ünal Selbstmord begangen haben, indem er den Saum der Decke zu einer Schnur machte und sich damit am Heizungskörper aufhängte.

Yeni Gündem vom 25.-27.08.2001
HADEP unter Druck

Die Polizei durchsuchte am 24. August Büros der HADEP in den Kreisstädten Iskenderun, Erzin, Dörtyol und Payas in der Provinz Hatay und nahm dabei die Funktionäre Ibrahim Polattas, Yusuf Altas, Hüseyin Kur und Mahmut Yörük fest. Im Kreis Besiri (Batman) wurden am 25. August die Mitglieder und Funktionäre Dervis Bulut, Cevdet Özkök, Izettin Kaya und Mahsun Tograp festgenommen. In der Stadt Ikiköprü (Besiri) wurden am 26. August Zeki Kanas und Sabri Aksoy festgenommen, aber nach einer Zeit wieder freigelassen.

Cumhuriyet vom 25.08.2001
Strafen wegen Kopftuch

Der Gouverneur von Erzurum gab bekannt, daß in den letzten 3,5 Jahren insgesamt 323 Frauen im öffentlichen Dienst wegen Tragens von Kopftüchern bestraft wurden, weil sie damit gegen die Kleiderordnung verstossen haben. 7 wurden aus dem öffentlichen Dienst entlassen und 2 Frauen wurde gekündigt. Die anderen Frauen erhielten Verwarnungen oder Abzüge beim Lohn. Die Mehrheit der betroffenen Frauen waren Lehrerinnen (298).

Cumhuriyet/Radikal vom 26.08.2001
Politische Morde

Am 25. August wurden Saban Elaltunteri und sein Sohn Mehmet in Esenler (Istanbul) getötet. Wie verlautete, hatte Saban Elaltunteri nach seiner Festnahme als Hizbullah-Mitglied im Jahre 1998 der Polizei wichtige Informationen gegeben und war deshalb nach dem Reuegesetz vorzeitig entlassen worden.

Cumhuriyet vom 28.08.2001
Unternehmer ermordet

Üzeyir Garih, 2. Chef bei Alarko Holding, wurde am 25. August bei dem Besuch eines Friedhofes in Eyüp (Istanbul) durch 10 Messerstiche getötet. Kurz darauf verkündete der Innenminister, daß der Mörder bekannt sei und nach ein paar Stunden wurde dessen Festnahme bekanntgegeben. Es sollte sich um den 13-jährigen Fuat N. handeln, der in den Medien als „verrückter Fuat“ dargestellt wurde und ein Süchtiger (Verdünnungsmittel) sei. Am nächsten Tag aber wurden er und weitere 6 Verdächtige aus der Haft entlassen. Fuat N. sagte danach, daß er Üzeyir Garih an diesem Tag zum ersten Mal gesehen habe und ausserhalb des Friedhofes von ihm etwas Geld erhalten habe. „Auf der Polizeiwache wurde mir das T-Shirt und die Hose ausgezogen und ich wurde in eine kalte Zelle mit Klimaanlage gesteckt. Nach einer halben Stunden kamen Polizisten und drängte mich, die Tat zuzugeben. Sonst würden sie mir den Kopf abreissen. Sie quetschten meine Hoden, aber ich sagte, daß ich Herrn Garih nicht umgebracht habe.“ Der Vater soll unterdessen seinen Job verloren haben.

Yedinci Gündem vom 28.08.2001
Mysteriöser Tod bei Uludere

Am 26. August wurde die Leiche von Zeki Ölmez in der Nähe des Dorfes Elamun (Andaç) im Kreis Uludere (Sirnak) gefunden. Er wurde seit einer Woche vermisst. Dem Vernehmen nach soll er fünf Personen aus dem Irak als „scout“ gedient haben. Die Gruppe aber verirrte sich und die Personen aus dem Irak stellten sich bei einer Wache der Gendarmerie. Nach der Vernehmung wurden sie in den Irak gebracht. Drei Tage danach wurde die Leich 4 Kilometer von der Wache entfernt gefunden. Zeki Ölmez hatte gebrochene Arme und Beine, so daß die Möglichkeit besteht, daß er von einer hohen Stelle geworfen wurde, evtl. nachdem es einen Streit mit den Irakern gegeben hatte.

Yedinci Gündem vom 29.08.2001
Behinderungen zum Weltfriedenstag

Der Gouverneur in Ankara hat die Veranstaltung der HADEP zum Weltfriedenstag am 1. September mit dem Hinweis auf die öffentliche Ordnung und der Bemerkung, daß militärische Geräte, die bei den Feiern zum „Siegestag“ (30. August) im Hippodrom benutzt werden, in 2 Tagen nicht geräumt werden können. In Diyarbakir wurden die HADEP Funktionäre und Mitglieder Edip Polat, Salih Tekin, Gülay Tekin, Halise Batki, A. Rezzak Akin, Seher Yildirim, Irfan Özen, Muazzez Leygara und zwei weitere Personen am 27. August festgenommen, als durch Hausbesuche für die Demonstration in Ankara mobilisieren wollten. Innenminister Rüstü Kazim Yücelen schickte ein Dekret an alle Gouverneure des Landes mit der Aufforderung, bei der Genehmigung von Demonstrationen zum Friedenstag großzügig zu verfahren.

Cumhuriyet vom 30.08.2001
Folter in Kusadasi

Ismail Bahar (57) gab bekannt, daß er am 22. August von Polizisten in Kusadasi (Izmir) gefoltert wurde. Er habe an diesem Tage in leicht alkoholisiertem Zustand mit dem Besitzer einer Teestube diskutiert, der ihm den Zutritt verwehrte. Drei Beamte nahmen ihn mit zum Polizeipräsidium, wo sie ihn schlugen. Als er sie auf seine militärische Vergangenheit aufmerksam machte und zu korrektem Verhalten aufforderte, wurden sie noch gröber. Sie fuhren ihn mit dem Polizeiauto ca. 5 Kiolmeter ausserhalb von Kusadasi und drohten, ihn zu erschiessen. Dann warfen sie ihn in einen Graben, aus dem er sich erst bei Tageslicht befreien konnte. Der Landrat von Kusadasi soll Ermittlungen angeordnet haben.

Cumhuriyet vom 31.08.2001
Militäroperation im Nordirak

Bei militärischen Operationen im Nordirak, die am 25. August begannen, sollen nach offiziellen Angaben 15 PKK Militante getötet und 4 Soldaten verletzt worden sein. In Yedinci Gündem wurde die Nachricht verbreitet, daß 2 Offiziere und 7 Soldaten der türkischen Armee getötet wurden.

Yedinci Gündem vom 31.08.2001
Bedingte Haftentlassungen

Das Justizministerium gab bekannt, daß bis zum 10. August des Jahres insgesamt 33.109 Personen in den Genuß des Gesetzes 4616 zur Bedingten Haftentlassung vom 21.12.2000 kamen. Unter ihnen seien 162 inzwischen wieder straffällig geworden.

Samstag 1. September 2001, 16:48 Uhr
Hunderte Festnahmen bei Kurdenprotesten in der Türkei

Ankara (Reuters) - Mit dem Einsatz von Tränengas und der Festnahme von Hunderten Demonstranten hat die türkische Polizei am Samstag auf Proteste der kurdischen Minderheit reagiert. In der Hauptstadt Ankara seien mindestens 700 Kurden festgenommen worden, die an einer verbotenen Großkundgebung der Kurden-Partei HADEP teilnehmen wollten, teilten Behördenvertreter mit. Weil die Gefängnisse in der Hauptstadt nicht genügend Platz boten, wurden viele der Festgenommenen im Umland interniert. Auch in der westtürkischen Metropole Istanbul wurden nach HADEP-Angaben 200 Kurden festgenommen. Zuvor hatte die Polizei Tränengasgranaten auf rund 2000 Demonstranten abgefeuert, die sich zu einer Kundgebung im Stadtteil Topkapi versammelt hatten.

Nach HADEP-Angaben war am Freitagabend in Istanbul ein Anhänger der Partei tödlich verunglückt, als er in einen Belüftungsschacht der HADEP-Geschäftsstelle stürzte, in der er vor der Polizei Zuflucht gesucht hatte. Bereits im Vorfeld der geplanten Demonstrationen hatte die Polizei ihre Präsenz in Ankara und Istanbul massiv verstärkt und Personenkontrollen vorgenommen. Die türkische Nachrichtenagentur Anatolien meldete, in der südostanatolischen Stadt Batman seien 20 Menschen verletzt worden, als die Polizei eine Kundgebung von HADEP-Anhängern auflöste.

Die Polizei hatte bereits am Freitag in Diyarbakir mit Luftschüssen eine Protestkundgebung von etwa 3000 Anhängern des inhaftierten Chefs der Kurdischen Arbeiterpartei PKK, Abdullah Öcalan, aufgelöst. Die türkischen Behörden machen Öcalan und die verbotene PKK für eine 17-jährige Gewaltkampagne mit 30.000 Toten verantwortlich. Die PKK strebt nach einem unabhängigen Staat für die zwölf Millionen in der Türkei lebenden Kurden. Öcalan sitzt seit seiner Verurteilung in einem Gefängnis auf einer türkischen Insel.