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Radikal vom 03.07.2001
Autopsieberichte in der “Wiederbelebungs-Operation”
Die Autopsieberichte von Gefangenen und Soldaten, die bei der sogenannten “Wiederbelebungs-Operation” vom 19. Dezember 2000 umkamen, deuten darauf hin, daß nur wenige der Gefangenen sich selber umgebracht haben. Hier die Schlußfolgerungen:
Geschlossen Haftanstalt Bayrampaşa:
Nilüfer Alcan: Versagen der Atmung und Karbonmonoxyd-Vergiftung
Gülser Tuzcu, Seyhan Doğan, Şefinur Tezgel, Özlem Ercan, Yazgülü Güder Öztürk: Verbrennungen, Versagen der Atmung und Karbonmonoxyd-Vergiftung
Aşur Korkmaz: setzte sich selber in Brand; Verbrennungen, Versagen der Atmung und Karbonmonoxyd-Vergiftung
Fırat Tavuk: setzte sich selber in Brand; Todesursache: innere Blutungen durch Verletzungen mit Schußwaffe
Mustafa Yılmaz, Ali Ateş, Murat Ördekçi: Todesursache: innere Blutungen durch Verletzungen mit Schußwaffe
Cengiz Çalıkoparan: Todesursache: Blutungen durch Verletzungen mit Schußwaffe; der Körper wies viele Spuren von Gewaltanwendung auf.
Gefängnis Ümraniye:
Ahmet İbili: setzte sich selber in Brand; Todesursache: innere und Hirn-Blutungen durch Verletzungen mit Schußwaffe; er hatte 8 Kugeln im Körper, von denen vier tödlich waren
Rıza Poyraz: Blutungen durch Verletzungen mit Schußwaffe; der Körper wies viele Spuren von Gewaltanwendung auf
Ercan Polat: Todesursache: Blutungen durch Verletzungen mit Schußwaffe
Alp Ata Akçayöz: Todesursache: Blutungen durch Verletzungen mit Schußwaffe
Umut Gedik: Versagen der Atmung wegen Ödems in der Lunge und Vergiftung
Haydar Akbaba, Muharrem Buldukoğlu: Verbrennungen
Gendarme Nurettin Kurt: Todesursache: Hirn-Blutungen durch Verletzungen mit Schußwaffe; die Waffe soll “hohe chynetische Energie” gehabt haben; eine solche Waffe besassen die Gefangenen nicht.
Çanakkale E-Typ Gefängnis:
İlker Babacan: eine Gasbombe zerstörte die Schädeldecke; Hirnblutungen
Fahri Sarı: Todesursache: innere Blutungen durch Verletzungen mit Schußwaffe
Sultan Sarı: gebrochener Brustkorb durch einen scharfen Gegenstand von ca. 4cm Ausmaß
Fidan Kalşen: setzte sich selber in Brand
Gendarme Mustafa Mutlu: Todesursache: Versagen des Kreislaufs und Atmung durch Verletzungen mit Schußwaffe; die tödliche Kugel wurde nicht im Körper gefunden, dafür eine Kugel aus der Waffe der Gefangenen; die Gerichtsmedizin attestierte, daß die Waffe “hohe chynetische Energie” gehabt haben soll; eine solche Waffe besassen die Gefangenen nicht.
Halil Önder (Gefängnis Ceyhan), Yasemin Cancı (Gefängnis Uşak), Berrin Bıçkılar (Gefängnis Uşak), Murat Özdemir (Gefängnis Bursa), Ali İhsan Özkan (Gefängnis Bursa), Hasan Güngörmez (Gefängnis Çankırı): setzten sich selber in Brand.
Radikal vom 04.07.2001
Weitere Haftentlassungen
Aufgrund des Beschlusses vom Strafgericht Nr. 1 in Üsküdar wurden am 2. Juli 6 weibliche Gefangene und am 3. Juli 64 Gefangenen aus den Gefängnissen in Kartal, Kandira und Edirne entlassen.
TIHV vom 05.07.2001
27. Todesopfer der Hungerstreiks
Gökhan Özocak, der sein Todesfasten nach der Haftentlassung vom 31.05.2001 in einem Haus in Izmir fortgeführt hatte, verstarb am 4. Juli. Er war als Angehöriger der DHKP/C zu 14 Jahren Haft verurteilt worden und befand sich am 201. Tag der Aktion. Die Zahl der Todesopfer durch Hungerstreik und Todesfasten hat sich damit auf 27 erhöht.
Radikal vom 05.07.2001
Widersprüche in der Anklage gegen 399 Gefangene
Die Anklageschrift in dem Verfahren gegen 399 Gefangene aus dem Gefängnis Ümraniye, die vor dem Strafgericht Nr. 1 von Üsküdar angeklagt sind, weist erhebliche Widersrpüche auf. So ging der Unteroffizier Nurettin Tanis, der durch Schüsse der Gefangenen am 19.12.2000 verletzt worden sein soll, erst am 23. Dezember zum Arzt. In einem Protokoll wird erwähnt, daß die Gefangenen um 7 Uhr morgens das Feuer eröffneten. Der Unteroffiziere Ergün Cetin aber soll um 6 Uhr verletzt und 45 Minuten darauf im Krankenhaus gewesen sein. Unterdessen wurden eine Reihe von Beschwerden “unter den Tisch gekehrt”. So antwortete der Gefängnisdirektor Ramazan Kilickaya auf eine Anfrage der Staatsanwaltschaft, was mit den persönlichen Sachen der Gefangenen von Ümraniye passiert sei, am 2. Februar, daß die Gegenstände von den Gefangenen zerstört wurden und es keine Aufstellung darüber gebe. Demgegenüber haben aber sowohl die Gendarmerie als auch die Staatsanwaltschaft Listen mit solchen Gegenständen angefertigt. Das Ergebnis der Anzeige der Gefangenen Bülent Özdemir, Taylan Süren, Nuri Akalın, Birol Paşa, Cemal Keser, Sadık Akyüz, İrfan Kaplan und Hüseyin Kızıltoprak, die sich beschwert hatten, nach der Verlegung mit Polizeiknüppeln vergewaltigt worden zu sein, wurde offensichtlich nicht bearbeitet. Bis heute sind die Gefangenen nicht zur Untersuchung bei der Gerichtsmedizin gebracht worden.
Radikal vom 05.07.2001
Augenzeuge der Operation in Ümraniye
Osman Osmanağaoğlu, der das Todesfasten nach der Entlassung in einem Haus fortführt, hat Journalisten von der Operation im Gefängnis Ümraniye berichtet, wo 8 Personen im Dezember 2000 umkamen: “Nach Beginn der Operation setzte sich Ahmet İbili in Brand und zeigte sich auf dem Hof. Die Soldaten schossen auf ihn von allen Seiten. Ahmet starb im Kugelhagel. In diesem Moment fiel auch ein Soldat, der von den eigenen Freunden erschossen wurde. Ercan Polat wurde erschossen, als er sich vom Saal C-8 in den Saal C-9 retten wollte. Wir wechselten ständig unsere Orte, aber sie spürten uns auf, bohrten Löcher in die Dächer und warfen Gasbomben auf uns. Der Lärm von Kugeln, Bohrern und Gasbomben war kaum noch zu unterscheiden. Einen Tag darauf wurde auch Riza Poyraz erschossen. Ümit Gedik erstickte durch die Gasbomben. Überall waren Verletzte und man versuchte, uns auszuräuchern. In den oberen Stockwerken war alles verbrannt und wir flüchteten nach unten. Schließlich kamen wir durch ein Loch in der Wand, die sie niedergerissen hatten, heraus. Unter Schlägen wurden wir in die Fahrzeuge geschleift. Beim Eintreffen im F-Typ Gefängnis von Kandira wurden wir geschlagen und soillten die Nationalhymne singen. Sie steckten mich in ein Zimmer, wo vermummte Leute waren. Sie stürzten sich auf mich, zogen mich aus und vergewaltigten mich mit einem Polizeiknüppel.
Cumhuriyet vom 05.07.2001
167 Gefangenen von Bayrampasa angeklagt
Das Verfahren gegen 167 Gefangene aus dem Gefängnis Bayrampasa (31 davon Frauen) begann am 4. Juli vor dem Strafgericht Nr. 3 von Eyüp. Von den Angeklagten waren 18 Frauen aus dem Gefängnis Bakirköy und Hasan Demir (nicht in U-Haft) erschienen. Songül Ince berichtete von den Vorfällen am 19. Dezember: “Wir wachten um 5 Uhr von dem Lärm der Schüsse auf. Wir wurden mit Gasbomben beworfen, als wären wir in den Gaskammern von Hitler. Bald stand der Saal in Flammen und sie spritzten nicht einmal einen Tropfen Wasser, um das Feuer zu löschen. Nicht wir sind schuld, sondern sie haben 12 unserer FreundInnen umgebracht.” Birsen Kars sagte: “Erst brannten unsere Haare und dann löste sich die Haut von den Händen, so als wären es Gummireifen, die in Brand gesetzt wurden.” Auch Hasan Demir bezeugte, daß die Gefangenen keine Waffen hatten. Die Anklage fordert Strafen zwischen 7,5 und 10,5 Jahren Haft wegen “Aufstand im Gefängnis”. Das Verfahren wurde auf den 3. Oktober vertagt.
Radikal vom 05.07.2001
Verfahren gegen 154 Gefangene von Canakkale
Am 4. Juli begann das Verfahren gegen 154 Gefangene aus dem Spezialgefängnis Canakkale, denen “Mord, Anstiftung zum Selbstmord, Aufstand und Beschädigung von öffentlichem Eigentum” zur Last gelegt wird. Von den Angeklagten war niemand zum Gericht gebracht worden. Die Verteidigerin Gül Kireçkaya sagte, daß der Soldat Mustafa Mutlu nicht von den Gefangenen sondern anderen Soldaten erschossen wurde. Vor dem Strafgericht Nr. 4 in Bursa ging das Verfahren gegen 109 Angeklagte aus dem Gefängnis Bursa weiter. Das Gericht hob die Haftebefehle für 23 Angeklagte auf, so daß in diesem Verfahren nun niemand mehr in U-Haft ist.
Radikal vom 05.07.2001
4 Jahre Haft für Todesschüsse
Das Strafgericht Nr. 1 in Beyoglu fällte am 28. Juni das Urteil im Prozeß gegen den Polizisten Abdullah Bozkurt, der am 22.03.1994 den Studenten Vedat Han (Welathan) Gülşenoğlu (19) auf der Polizeiwache von Kasimpasa (Istanbul) erschossen hatte. Er wurde wegen Mordes zu einer Strafe von 36 Jahren Haft verurteilt. Diese Strafe wurde mit verschiedenden Bestimmungen auf 10 Jahre reduziert. Sollte das Urteil rechtskräftig werden, so wird Abdullah Bozkurt, der ca. 3 Monate in U-Haft war, nach den Bestimmungen zum Strafvollzug 4 Jahren im Gefängnis verbringen.