Wochenbericht 22/2005 - Übersicht Wochenberichte 2005 - Wochenbericht 24/2005
Özgür Gündem vom 05.06.2005
Folter in Hakkari
Haci Cetin, der am 26. Mai im Kreis Cukurca (Hakkari) festgenommen wurde, hat sich über Folter in Haft beschwert. Er berichtete: "Zuerst haben mich 4 Polizisten verhört. Sie haben mir dabei splitternackt ausgezogen. Später kam der Landrat Ünal Coskun hinzu. Er wollte alles von mir hören. Ich habe ihm gesagt, dass ich mit dem Vorfall nichts zu tun habe. Daraufhin haben der Landrat und ein Polizist mich geschlagen. Stundenlang wurde ich verprügelt. Der Landrat beschimpfte mich. Einer der Polizisten drohte, mich mit dem Knüppel zu vergewaltigen oder mich durch eine Kugel in den Kopf umzubringen. Ich habe immer wieder gesagt, dass ich mit der Sache nichts zu tun habe und mir dies nur passiere, weil ich der DEHAP angehöre. Später wurde ich zum Staatsanwalt gebracht, der meine Freilassung anordnete." Inzwischen wurde bekannt, dass Ziro Koc sich ebenfalls über den Landrat beschwert hat, weil dieser ihm im Dienst eine Ohrfeige gab. Er habe ihm zum Verlassen der Stadt aufgefordert, weil er den Leichnam eines PKK-Militanten, der in der Nähe von Cukurca getötet worden war, abholen wollte.
Özgür Gündem vom 06.06.2005
Schüsse der Dorfschützer
Am 1. Juni griffen Dorfschützer die Familie Mendi an, die im Dorf Günyurdu im Kreis Güclükonak (Sirnak) lebt, als sie auf einem Feld in der Nähe der Grenze arbeiteten. Sahin Mendi wurde durch 2 Kugeln am Bein verletzt und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden.
Cumhuriyet vom 08.06.2005
Entscheidungen von RTÜK
Der Hohe Rat für Radio und TV (RTÜK) hat dem Fernsehsender Cine-5 ein Ausstrahlungsverbot auferlegt, weil die Filme “Fantasy”, “Power Flower”, “Insatiable Wives” und “Passions Desire”, die am 12. 13. und 14 Dezember 2004 ausgestrahlt wurden, pornografischen Inhalt haben sollen. Dem Sender Kanal D wurde ein Sendeverbot auferlegt, weil in einer Morgensendung die Teilnehmer sich beleidigten. Ähnliche Verbote betrafen Show TV und ATV. Hier sollen Sendungen Gewalt verherrlicht haben.
Hürriyet vom 10.06.2005
Todesschüsse in Denizli
In Denizli erschossen Polizisten Ömer Yüce am 7. Juni. Dem Vernehmen nach hatten sie einen Hinweis auf Einbruch erhalten und waren zu einem Haus im Stadtteil Yenisehir gegangen. Dort trafen sie zwei Personen an, die der Aufforderung stehen zu bleiben nicht nachkamen. Daraufhin eröffneten die Polizisten das Feuer und töteten den vermeintlichen Einbrecher.
Radikal vom 10.06.2005
Bombenexplosion
Ilyas Kondu (14) wurde verletzt, als eine Bombe explodierte, die er am 8. Juni in Sivas gefunden hatte. Er soll dabei zwei Finger der linken Hand verloren haben.
Weitere Meldungen (DTF)
Connection e.V. vom 10.06.2005
Mehmet Tarhan freigelassen und erneut einberufen
Nach der Gerichtsverhandlung am 9. Juni wurde der türkische Kriegsdienstverweigerer Mehmet Tarhan zwar freigelassen, jedoch unmittelbar danach erneut dem Rekrutierungsbüro überstellt und ein zweites Mal einberufen. Der Militärrichter hatte Mehmet Tarhan freigelassen, da er davon ausgehe, dass Tarhan mit den bisherigen zwei Monaten Haft die zu erwartende Haftstrafe bereits abgegolten habe. Der Prozess wegen „Ungehorsam vor versammelter Mannschaft“, in dem Mehmet Tarhan eine Haftstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren angedroht ist, wurde vertagt. Da Mehmet Tarhan jede Zusammenarbeit mit dem Militär verweigert, sind weitere Verfahren wegen "Befehlsverweigerung" praktisch unausweichlich.
Özgür Politika vom 08.06.2005
TAK bekennt sich zu Anschlägen
Mit einem Anruf bei der Nachrichtenagentur MHA haben sich die Freiheitsfalken von Kurdistan (TAK) zu Anschlägen in Istanbul, Ankara, Izmir, Hatay und Usak bekannt. Sie kündigten weitere Angriffe auf wirtschaftliche Ziele, insbesondere den Tourismus an, wenn der türkischen Staat das kurdische Volk weiterhin drangsaliert. Vorgestern war ein Anschlag auf die Raffinerie in Aliaga (Provinz Izmir) verübt worden, bei dem 3 Personen verletzt wurden. Bei einer Explosion in Karsiyaka (Izmir) soll ein Polizist verletzt worden sein. In Istanbul, Ankara und Usak soll es am 5. Juni ebenfalls zu Explosionen gekommen sein. Die Aktion im Kreis Hassa (Hatay) soll am 3. Juni bei einer Basisstation für Handys erfolgt sein.
Bia (Netzwerk) vom 08.06.2005
Minenexplosion auf Strecke zu einem Dorf der Süryani
Der Vorsitzende einer Kommission der Föderation von Vereinen zur Entwicklung des Turabdin, Ibrahim Gök, der Vorsteher des Dorfes Ücköy (Harabele), Maravge Cinar und der Unternehmer Hapsuni Kara wollten am Morgen des 7. Juni von Harabele zum Dorf Kafro fahren, als in der Nähe des Fahrzeuges eine Mine explodierte. Die Insassen des Fahrzeugs blieben unverletzt. Hapsuno Kara, dass dies ein Anschlag von Professionellen sei, die damit die Rückkehr der Bewohner verhindern wollten. Die Vereine der Süryani im Ausland haben den Premierminister, den Innenminister und den Gouverneur von Mardin aufgefordert, den Vorfall zu untersuchen.
Radikal vom 10.06.2005
Entschädigungen für Terroropfer
Der st. Gouverneur von Diyarbakir, Erol Özer, gab bekannt, dass seit dem Inkrafttreten des Gesetzes zur Entschädigung von Schäden, die durch den Terror oder den Kampf gegen den Terror entstanden sind (das Gesetz trat am 27.07.2004 in Kraft) 14.850 Anträge beim Gouverneur in Diyarbakir gestellt wurden. Davon sei in 311 Fällen entschieden und insgesamt 80 der Geschädigten sein eine Abfindung in Höhe von insgesamt 278.000 YTL (ca. 160.000 Euro) erhalten. Nach einer Bestätigung durch das Innenministerium würden diese Gelder ausgezahlt.
Bia (Netzwerk) vom 10.06.2005
Bilanz des IHD Diyarbakir
Der IHD Diyarbakir hat eine Bilanz zu den letzten 3 Monaten herausgegeben. Der Vorsitzende der Zweigstelle, Selahattin Demirtas sprach von einen außergewöhnlichen Anstieg an Verletzungen der Menschenrechte. Es gebe eine positive Entwicklung im Bereich der Folter, aber die Intoleranz gegenüber der Meinungsfreiheit habe weiter zugenommen. Seit Beginn des Jahres sind bei bewaffneten Auseinandersetzungen 146 gestorben und 27 Personen verletzt worden. In den letzten 5 Monaten wurden gegen 2811 Personen Ermittlungen wegen Meinungsäußerungen angestrengt.
Radikal vom 11.06.2005
Sule Cizmeci: Erziehung oder Drill?
Professor Ali Baykal hat 190 Schulbücher in den Computer eingegeben und die knapp 830.000 Sätze und fast 7 Millionen Wörter indiziert. Das Ergebnis hat der Professor der Pädagogischen Fakultät der Universität Bosporus nun als "Digitale Daten der Schulbücher auf Realschulen und Gymnasien" veröffentlicht. Wir sprachen mit Professor Baykal über die Ergebnisse. Er schickte voraus, dass jede Ideologie seine eigene Form von ordentlichem Bürger habe. In Deutschland sei es der "Nazi" gewesen, in der Sowjetunion war es der "Genosse", in Nicaragua die "Sandinista" und in Afghanistan "Taliban". Das universale Ziel der Erziehung in der Türkei sei es Individuen zu formen, die in und außerhalb des Landes in Frieden leben. Die Autoren des Bildungsministeriums (in Türkisch: Ministerium für nationale Erziehung) arbeiten nach vorgegebenen Mustern. Im kleinen Wörterbuch von Professor Baykal tauchen Wörter wie Türke, unser Prophet, Padischah, Minister, Krieg, Eroberung, Bombe, Kugel, Heldentum, sterben und Märtyrer besonders häufig auf. Offiziell wird von Sekularismus gesprochen, aber in den Bücher ist ständig von unserem Propheten, unserer Religion die Rede; es wird von Frieden gesprochen aber Ausdrücke wie Kanone, Kugel, Gewehr und Pistole, die zum Kampfesgeist und Krieg ausrufen, finden sich überall. Die Pädagogen des Bildungsministerium sprechen viel von Hinterfragen, aber fragende Sätze gibt es kaum (5% der Sätze). Demgegenüber gibt es viele vorschreibende Sätze in der Form von "dies muss so und so gemacht werden". Professor Baykal fand in den Büchern eine Übertreibung des Heldentums. Bei gewonnenen Kriegen werden Worte der eigenen Überlegenheit gewählt, bei verloren Kriegen werden die Sieger als Unterdrücker dargestellt. Kriege werden vier Mal so häufig erwähnt wie Frieden. Der Tod ist doppelt so häufig vertreten wie das Leben. 29 Mal haben wir gewonnen und 10 Mal verloren. Sie haben Massaker verübt, wir nicht.