TIHV: Verschiedene Gutachten bei Wernicke-Korsakoff

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Datum 040116
Sprache Deutsch

Am 16. Januar 2004 gab die Menschenrechtsstiftung der Türkei (TIHV) eine Presseerklärung über das Schicksal von Gefangenen heraus, deren schlechter Gesundheitszustand nach Hungerstreik und Todesfasten eine zeitweilige Entlassung notwendig gemacht hatte. Die Presseerklärung war am 23. Januar übersetzt und verteilt worden. Jetzt hat die TIHV eine weitere Presseerklärung am 19. März herausgegeben, dieses Mal in Istanbul. Das Demokratische Türkeiforum hat beide Erklärungen diesem Bericht zugrunde gelegt.

OBJEKTIVE GERICHTSMEDIZIN MUSS ALLEN GEWÄHRT WERDEN

Hungerstreiks in den Gefängnissen begannen im Oktober 2000 als Reaktion auf die F-Typ-Gefängnisse, die für politische Gefangene gebaut wurden. Die Gefangenen wehrten sich dagegen, da sie in diesen Haftanstalten voneinander isoliert würden. Die Hungerstreiks und die Aktionen des Todesfastens verursachten ernste körperliche Schäden und Todesfälle; so begann eine tragische Zeit.
In dieser Zeit wurden fast 600 Gefangene und Verurteilte zeitweilig aus dem Gefängnis entlassen, hauptsächlich aufgrund gesundheitlicher Probleme (Artikel 399 der Strafporzessordnung erlaubt die zeitweilige Freilassung, wenn Gefangene nicht unter Gefängnisbedingungen medizinisch behandelt werden können). 563 dieser Gefangenen beantragten bei der TIHV eine Behandlung. Die TIHV versuchte mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung sowie einem Netzwerk von Freiwilligen, ihnen Behandlung und Rehabilitation zu geben. Im Jahr 2004 wird die Behandlung vieler Personen noch fortgesetzt, wobei der Prozess der Gesundung erhebliche Unterschiede aufweist.
Die meisten Patienten leiden neben vielen durch langes Hungern verursachten Krankheiten unter dem Wernicke-Korsakoff-Syndrom. Selbst wenn die Wernicke-Enzephalopathie bedingten Todesfälle und Behinderungen abgewendet werden konnten, wurden strukturelle Gehirnveränderungen beobachtet. Die Korsakoff-Psychose geht mit Zerstörung der für Erinnerung wichtigen Region des Gehirns einher, ohne dass eine Möglichkeit der vollkommenen Wiederherstellung besteht. Wie bei akuten Hirnschäden beträgt die Zeit einer möglichen Revidierung des Wernicke-Korsakoff-Syndroms 6 bis 12 Monaten (90 % des Wiederherstellungspotentials wird in den ersten 6 Monaten beobachtet). Man stimmt auch darüber überein, dass die Symptome, die stetig nach dieser Periode zunehmen, keine Besserung bezüglich des Gesundheitszustandes der Patienten für den Rest ihres Lebens zeigen.
Zu Anfang gab der Gerichtsmedizinische Rat des Justizministeriums Berichte heraus, in denen empfohlen wurde, dass viele Leute zeitweilig entlassen werden sollten, bei denen Wernicke Korsakoff diagnostiziert wurde. Bei einer bedeutenden Anzahl dieser Leute wurde die Vollstreckung ihrer Strafe für 6 Monate ausgesetzt. Die Vollstreckung der Strafe dieser Leute wurde dann fortwährend erneut ausgesetzt, weil bei Folgeuntersuchungen beobachtet wurde, dass die Krankheit fortbestand.
In letzter Zeit haben Ausschüsse des Gerichtsmedizinischen Rates des Justizministeriums Berichte mit bestimmten neuen Behauptungen herausgegeben (Die Unabhängigkeit dieser Ausschüsse wird öffentlich hinterfragt). In einigen dieser Berichte wird behauptet, dass die Krankheit bei einigen Patienten rückläufig sei, bei denen ein lang andauerndes Wernicke Korsakoff Syndrom diagnostiziert wurde. Dies öffnet den Weg zur Rückkehr in das Gefängnis und bedeutet, dass bestehende wissenschaftliche Fakten verneint werden.
Die TIHV wird diese Entwicklung beobachten unter Berücksichtigung juristischer Fakten und der Prinzipien der Menschenrechte; und sie wird alles Nötige versuchen, um diese Ungerechtigkeit zu korrigieren. Wir laden die Öffentlichkeit, Medien und Behörden der Regierung ein, diese Anstrengungen zu unterstützen.

Fallbeispiele:

Serkan Dogan wurde 2001 entlassen und die Vollstreckung seiner Verurteilung bis zum September 2003 ausgesetzt. Im September 2003 hat das Gerichtsmedizinische Institut einen neuen Bericht erstellt. Es führte alle Symptome auf, aber vermied, den Begriff „Korsakoff amnestisches Syndrom“ zu verwenden. Dies könnte zur Gefängniseinweisung von Serkan Dogan führen.
Bei Cafer Gürbüz wurde die Vollstreckung des Urteils 7 Jahre lang ausgesetzt, nach einem Bericht der Gerichtsmedizin vom November 2003 hat das Gericht jedoch ein Haftbefehl gegen ihn erlassen. Günnaz Kurucay wurde 2001 entlassen. Die Vollstreckung ihrer Strafe wurde viermal für jemals 6 Monate ausgesetzt. Nach einem Bericht der Gerichtsmedizin vom Dezember 2003 wurde ein Haftbefehl gegen sie erlassen.
Tekin Yildiz wurde entlassen, nachdem diagnostiziert worden war, dass er am Wernicke Korsakoff Syndrom leidet. Er wurde verhaftet, obwohl keine entscheidende Besserung seines Gesundheitszustandes verzeichnet wurde. Er ist jetzt im Bayrampasa-Gefängnis. Andere Gefangenen mit dem Syndrom, die 2003 wieder in Gewahrsam genommen wurden, waren: Veysel Yagan, Ayse Egilmez, Melahat Akay, Tülin Dag, Sakine Altun, Nuran Ekingen, Eylem Celik, Özgür Yolcu, Meryem Algör, Elif Ates, Kasim Aksakal, Ali Riza Aydar, Nizamettin Dogan, Rauf Erdem und Esral Karagöz.
Der Gefangene Ihsan Cibelik, ein Mitglied der Musikgruppe „Yorum“ mit Wernicke Korsakoff Syndrom, wurde am 23. Januar in Ankara verhaftet. Der Gefangene Mustafa Benli, der Besitzer und Haupt-Herausgeber der Zeitung „Hedef“ ist, und der unter dem Wernicke Korsakoff Syndrom leidet, war aufgrund von einem Bericht des Forensischen Instituts am 17. Januar freigelassen 2003, und am 18. Februar 2004 in Gewahrsam genommen worden, nachdem das Forensische Institut einen Bericht erstellt hatte, dass er sich erholt hatte. Er war seit Februar 1998 in Haft. Der Rechtsanwalt Hasdan Erdogan verkündete, dass Benli zum Corum-Gefängnis verbracht wurde und unter Erinnerungsvermögen leidet sowie eine Einschränkung der sensorischen Funktionen und Schwellungen an Armen und Beinen hat.
Der TIHV erklärte im März 2004, dass 614 Individuen bei seinen Rehabilitationszentren Anträge stellten, in denen sie von Krankheiten berichteten, die sie in Folge des Hungerstreiks und Todesfastens erlitten. 51 dieser Individuen waren an diesen Aktionen vor 2001 beteiligt (hauptsächlich 1996) und 563 seit 2001. Dr. Sükran Irencin, Repäsentant des TIHV in Instanbul, sagte, dass 334 Individuen unter dem Wernicke-Syndrom und 289 unter dem Korsakoff-Syndrom litten. Dr. Önder Özkalipci, Mitarbeiter der TIHV, fügte hinzu, dass es nicht darum ginge, dass alle kranken Gefangenen frei gelassen werden sollen. Aber - betrachtet man es als Ziel der Gefängnisse, die Gefangenen zu bessern, - kann dies nicht bei Menschen erreicht werden, die Schwierigkeiten haben, ihre Umgebung zu begreifen.

Was ist das Wernicke-Korsakoff-Syndrom?

Definition

Wernicke-Korsakoff-Syndrom ist eine Hirnerkrankung mit Verlust spezifischer Hirnfunktionen, verursacht durch Mangel an Vitamin B1 (Thiamin).
Ursachen, Häufigkeit und Risikofaktoren
Das Korsakoff-Syndrom oder die Korsakoff-Psychose geht einher mit einer isolierten Beeinträchtigung des Kurzzeitgedächtnisses. Andere Funktionen des Gehirns bzw. die Intelligenz können relativ gut erhalten sein. Eine zeitliche Desorientierung ist obligat. Konfabulationen sind typisch. Der Patient wird in Einzelheiten glaubwürdige Geschichten über Erlebtes oder Situationen erdichten, um Lücken im Gedächtnis zu schließen. Das ist gewöhnlich kein überlegter Versuch zu betrügen, da der Patient häufig selber glaubt, was er sagt.
Das Wernicke-Syndrom umfasst die Symptome: geistige Verwirrung, Beeinträchtigung des Sehvermögens, abnorme Augenbewegungen (Nystagmus), Ganganomalien und oft weitere Symptome unterschiedlicher Art und Ursache. Die Symptome werden durch Schädigungen sowohl im zentralen Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) als auch im peripheren Nervensystem (der übrige Körper) verursacht.
Das Wernicke-Korsakoff-Syndrom wird mit schlechter Ernährung (Hunger), insbesondere in diesem Zusammenhang mit einem Mangel an Vitamin B1 erklärt. Ohne Therapie u.a. mit Vitamin B1 kann der Verlauf ungünstig sein, zu Koma oder Tod führen. Unter Therapie kann eine Besserung einzelner Symptome innerhalb von Stunden und Tagen eintreten. Die Symptome des Korsakoff-Syndroms sind meist irreversibel. In Einzelfällen werden jedoch Besserungen auch noch nach 12 – 24 Monaten beobachtet.
Das Syndrom wird außer durch schlechte Ernährung auch durch chronischen Alkoholismus, spontane Blutung im Gehirn, Hirnverletzung durch Gewalteinwirkung, infektiöse und bösartige Hirnerkrankungen u.v.m. verursacht.

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