Meldungen im Februar 2012
Die folgenden Nachrichten wurden im Februar 2012 vom DTF erfasst (übersetzt). Für externe Links wird keine Verantwortung bezüglich des Inhalts und der Dauerhaftigkeit übernommen. Auf englische und türkische Seiten des DTF sowie auf Seiten der Wikipedia (de, en oder tr) können so genannte Interwiki-Links gesetzt werden.
Armenische Kapelle in Malatya niedergerissen
Zuerst berichtete die armenisch-türkische Zeitung Agos vom 03.02.2012, später folgten andere Presseorgane wie Radikal vom 03.02.2012 und auch Kommentare wie der von Oral Çalışlar wiederum in der Tageszeitung Radikal vom 04.02.2012 zum Abriss einer Kapelle, die ein Verein der Armenier in und aus Malatya[1] auf dem Gelände des armenischen Friedhofs bauen ließen. Im letzten Jahr waren Mitglieder des Vorstandes des Vereins mit Sitz in Istanbul nach Malatya gefahren und hatten mit dem Gouverneur Ulvi Saran, dem Bürgermeister Ahmet Çakır und Verantwortlichen der Stadtverwaltung über das Projekt gesprochen, das durch Straßenbauarbeiten in der Nähe des Friedhofs eingefallene Haus des Friedhofswärters neu und dazu eine Kapelle[2] auf dem Friedhof zu errichten. Das Projekt wurde von allen Seiten begrüßt.
Im Oktober 2011 begannen die Bauarbeiten. Der Verein sammelte 120.000 TL für den Bau, obwohl eigentlich die Stadtverwaltung für diese Art von Bauten zuständig ist. Aufgrund des Winters waren die Bauarbeiten eine Zeit lang ausgesetzt worden. In dieser Zeit sollen sich viele Bürger beschwert habe, dass die Armenier eine Kirche in der Stadt errichten. Der Bürgermeister sagte in einem ersten Kommentar zum Abriss der Kapelle und des Hauses für den Friedhofswärter, dass es viele Beschwerden gegeben habe. Da der Bau (noch) nicht legalisiert gewesen sei, hätten sie die Beschwerden ernst nehmen müssen. Er habe jedoch nur angeordnet, dass das Dach auf dem Haus des Wärters zu hoch sei und entfernt werden müsse. Aufgrund von Kommunikationsproblemen zwischen dem Baudirektor der Stadt und dem Abrisskommando sei aber alles abgerissen worden. Er versprach eine Wiedergutmachung, zu der auch die Übernahme der Baukosten für den Neuaufbau gehören könne.
Mutmaßungen zu Knochenfunden in Diyarbakir
Seit dem ersten Fund am 11. Januar, werden immer mehr Knochen nahe dem ehemaligen Stützpunkt der Spezialabteilung in der Gendarmerie JİTEM in Diyarbakır gefunden. Nach einem Bericht in Bianet vom 08.02.2012 war die Zahl der gefundenen Schädel auf 29 angestiegen sei. Der Vorsitzende der Anwaltskammer Diyarbakır, Mehmet Emin Aktar machte darauf aufmerksam, dass der Ort nie ein Friedhof gewesen sei und nur von Behörden genutzt wurde und die Funde ein Hinweis auf die verübten Massaker sein. Die Vorsitzende der Stiftung für Menschenrechte (TİHV), Prof. Dr. Şebnem Korur Fincancı kritisierte den Einsatz von Baggern und forderte den Einsaz von Archäologen, um die Leichen identifizieren zu können.
TurkishPress vom 02.02.2012 bezog sich auf einen namentlich nicht genannten AKP-Politiker mit der Vermutung, dass die menschlichen Knochen aus der Zeit zwischen 1910-1920 stammen könnten. Sowohl TurkishPress als auch die der Gemeinde von Fethullah Gülen nahe stehende deutsch-türkische Nachrichten vom 02.02.2012 nannten ohne Berufung auf eine Quelle, die Zahl von 11.000 ungeklärten Morden in den 90er Jahren und behaupteten, dass 8.000 davon auf das Konto der PKK gingen.[3]
Aufschlussreiche Angaben macht ein Artikel von Mahmut Şakar (ehemaliger Vorsitzender des IHD in Diyarbakir, DTF) beim Verein für Demokratie und Internationales Recht. Er sagt u.a.:
- Die Zweigstelle Diyarbakır des IHD hat ausgehend nur von Zeugenaussagen und Presseinformationen die Existenz von 114 Massengräbern in 11 Provinzen festgestellt, in denen sich die sterblichen Überreste von 1.469 Personen befinden. In den bisher geöffneten 26 Massengräbern fanden sich die Knochen von 171 Menschen... (Es sollen) nur Guerillas sein...
- Ohnehin wissen wir, dass sich auch die Knochen von Zivilisten darunter befinden. Mir fällt ein Fall wieder ein, den ich gut kenne. Als ich bei der Zweigstelle Diyarbakır des IHD arbeitete, zeigten wir das Verschwinden von elf Dorfbewohnern erst bei den örtlichen Behörden an, später auch beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Sie waren am 9. Oktober 1993 in der Ortschaft Alaca im Kreis Kulp, Provinz Diyarbakir, von einer so genannten Sondereinheit in Gewahrsam genommen worden und tauchten nie wieder auf. Sie waren wie vom Erdboden verschluckt. Wir wandten uns an jede Behörde, klopften an jede Tür. Bis zehn Jahre später, völlig durch Zufall, ein Hirte 500, 600 Meter hinter dem Dorf aus einem Flussbett ragende Knochen- und Stoffteile findet. Wieder schalten sich MenschenrechtlerInnen ein, es werden DNA-Tests durchgeführt, nach zwei Jahren kommen die positiven Ergebnisse. In einem Graben, eben einem Massengrab, finden wir so ein Durcheinander von Knochen und Kleidungsstücken. Es sind Celil Aydoğdu, Mehmet Şah Atala, Nusrettin Yerlikaya, Turan Demir, Behçet Tutuş, Bahri Şimşek, Şerif Avar, Hasan Avar, M. Salih Akdeniz, Ümit Taş und Abdi Yamuk, deren Namen wir hunderte Male in der Fallakte, in Presseerklärungen geschrieben haben. Doch die Täter sind verschwunden.
In einer Nachricht der Tageszeitung Radikal vom 03.02.2012 wird der stellvertretende Vorsitzende der Republikanischen Volkspartei CHP, der ehemalige Vorsitzende der Anwaltskammer Diyarbakir und Vertreter der TIHV in Diyarbakir, Sezgin Tanrıkılu mit einer Kritik an Premierminister Recep Tayyip Erdoğan zitiert. Nicht die jetzige Regierung habe die Massengräber entdeckt, sondern es sei um zufällige Funde bei Restaurierung-Arbeiten gegangen. In der Landkarte des İHD seien Massengräber an 253 Stellen verzeichnet. Wenn ein politischer Will vorhanden wäre, die ungeklärten Morde aufzuklären, solle daran gearbeitet werden.
Am 8. Februar 2012 veröffentlichte die Tageszeitung Radikal einen Kommentar von Oral Çalışlar, in dem u.a. folgendes stand:
- Es wird gesagt, dass die Knochen, die auf dem Gelände von JITEM in Diyarbakır gefunden wurden, aus verschiedenen Zeiten stammen können. Es gab viele Massaker in der jüngeren Vergangenheit und in der Erde sind viele Menschen verborgen, von denen nicht bekannt ist, wo sie vergraben wurden.
- Der Enkel von Scheich Said, Abdurrühamin Fırat glaubt, dass sein Großvater in Diyarbakir neben der Offizierskantine in Diyarbakir (tr: Diyarbakır Orduevi) begraben wurde. Der Anwalt der Familie, Sıtkı Zilan erinnerte daran, dass nach der Hinrichtung von Scheich Sait und 46 seiner Freunde die Leichname nicht den Familien übergeben wurden. Schon 2009 hatte die Familie einen detaillierten Antrag an das Innenministerium gestellt, damit sie die Überreste ihres Vorfahren ordentlich begraben können.
- Auch das Grab des vor 77 Jahren beim Dersim Aufstand getöteten Seyit Rıza ist unbekannt. Der Anwalt seiner Familie und jetzige Abgeordnete für Tunceli, Hüseyin Aygün hatte 2007 einen Antrag gestellt, um Informationen über sein Grab zu erhalten. Vom Gouverneur kam keine Antwort und in dem danach eröffneten Gerichtsverfahren kam das Verwaltungsgericht Elazığ zu dem Schluss, dass es dazu keine Informationen staatlicher Stellen gebe. Eine Entscheidung des obersten Verwaltungsgerichts (Danıştay, offiziell als Staatsrat übersetzt) über den Einspruch steht noch aus.
Schon am 25. Januar 2012 hatte die Tageszeitung Evrensel gemeldet, dass sich nach dem Fund von 23 Schädel 36 Familien an den Menschenrechtsverein IHD gewandt haben, damit dieser sich bei der Staatsanwaltschaft in Diyarbakir erkundigt, ob ihre Angehörigen unter den begrabenen Leichen befinden. Nach einer Nachricht in Radikal vom 13.2.2012 sind weitere 5 Schädel gefunden worden. Damit stieg die Zahl der entdeckten Leichen auf 34 an.
Von einem ersten Ergebnis der Rechtsmedizin berichtete die Tageszeitung Radikal vom 28.02.2012. Demnach sollen die meisten Knochen von Tieren stammen. Es sei auch nicht festzustellen gewesen, dass es sich um gewaltsame Tode, z.B. durch Schüsse, Stiche oder ähnliches handeln könne. Aufgrund der mineralischen Beschaffenheit des Bodens sei davon auszugehen, dass die Knochen länger als 100 Jahre in der Erde gelegen haben.
Geheimdienstler der Mitgliedschaft bei KCK verdächtigt
Unter Berufung auf eine Nachricht in der Tageszeitung Bugün (Heute) berichtete das Nachrichtenportal Haberler.com vom 09.02.2012 von den Anschuldigungen gegen 3 führende Mitarbeiter des türkischen Geheimdienstes MIT. Der amtierende Leiter, Staatssekretär Hakan Fidan, der ehemalige Staatssekretär Emre Taner und der Stellvertreter Afet Güneş wurden von der Staatsanwaltschaft in Istanbul vorgeladen, um als Verdächtige in den Ermittlungen gegen die Union der Gemeinschaften Kurdistans (KCK) auszusagen. Als Grund wurden Aussagen von Personen genannt, die in Istanbul am 13. Januar 2012 festgenommen worden waren. Es ist auch die Rede von Dokumenten, die bei der Durchsuchung des Büros der BDP in Diyarbakır gefunden worden sein sollen. Dazu sollen aufgezeichnete Gespräche der Geheimdienstler mit gesuchten Funktionären der PKK und ein 6-seitiges Schreiben von Abdullah Öcalan an den Exekutivrat der KCK gehören.
Zu den Vorwürfen gehört, dass der Geheimdienst der PKK Zeit eingeräumt habe, um den Aufbau der KCK zu vervollständigen. Des Weiteren sei es darum gegangen, dass Öcalan zunächst unter Hausarrest gestellt und dann freigelassen werden solle und dass in einem autonomen Kurdistan die PKK als Polizei eingesetzt werden solle.
In einem Kommentar von Eyüp Can stand in der Tageszeitung Radikal vom 09.02.2012 u.a.:
- Wenn schon der stellvertretende Ministerpräsident Bülent Arınç sagt, dass er keine vernünftige Erklärung dafür habe, wie die 3 Mitarbeiter von MIT an der KCK Struktur beteiligt sein sollen, ist das für einen Journalisten noch schwerer. Da an anderer Stelle Angehörige des Generalstabs verhört werden können, ist es rechtlich gesehen normal, dass auch Geheimdienstler vorgeladen werden. Politisch gesehen ist es aber anders. Da sind auf der einen Seite die Kontakte zur PKK (die Gespräche in Oslo). Das war politisch so gewollt. Es zeigt, dass die Regierung eine Öffnung in der Kurdenfrage wollte, dann aber auf den Sicherheitsaspekt setzte.
- Dann gibt es noch die Aussagen einiger Verdächtiger in den KCK-Ermittlungen. Einige von ihnen arbeiteten für den Geheimdienst. Es sollen auch Informationen an die PKK über militärische Operationen an die PKK weiter gegeben worden sein. Nun wurden in Istanbul auch noch der Leiter der Intelligenzabteilung Erol Demirhan und der Leiter des Dezernats zur Bekämpfung des Terrorismus, Yurt Atayün ihrer Ämter enthoben. Die Regierung steht nun vor einer Wahl. Entweder sie erlaubt die Operation gegen den Geheimdienst oder sie stellt MIT unter Schutz und ruft die mit den Ermittlungen betrauten Polizeibeamten und Angehörige der Gerichtsbarkeit zurück. Erste Signale deuten darauf hin, dass MIT geschützt werden soll. Mal sehen, wie es weiter geht.
Ein Kommentar von Murat Yetkin wurde in Radikal vom 16.02.2012 unter dem Titel "Neue Dimension der Beziehungen zwischen MIT und der PKK" veröffentlicht. Er ging auf die Gespräche zwischen dem Geheimdienst MIT und der PKK ein, die 2008 begonnen haben sollen. Sie wurden zum ersten Mal durch Aufnahmen belegt, die am 13. September 2011 im Internet auftauchten. Sie stammten aus einer Zeit, als Hakan Fidan noch nicht im Amt war, sondern Emre Taner das Amt innehatte. Der stellvertretenden Staatsekretär Afet Güneş soll an den Gesprächen in Oslo beteiligt gewesen sein. Nach den Behauptungen der KCK sollen Gespräche zwischen dem auf İmralı inhaftierten Abdullah Öcalan und Verantwortlichen der PKK 2008 begonnen und im Juni 2011 beendet worden sein.
Erneute Zunahme der Zahl von Gefangenen
Nach einer Meldung in Bianet vom 13.02.2012 ist die Zahl der Gefangenen im Jahr 2011 von 122.449 auf 131.317 gestiegen. Fast 76.000 der Gefangenen sind Strafgefangene; die anderen befinden sich in Untersuchungshaft. Nach Informationen des Generaldirektorats für Haftanstalten handelt es sich bei 8.671 Gefangene um Personen unter Terrorverdacht. Weitere 2.200 Personen stehen im Verdacht, kriminellen Vereinigungen anzugehören.
Auf den Seiten des Generaldirektorats für Haftanstalten wird außerdem angegeben, dass in den geschlossenen Haftanstalten 13.798 Plätze fehlen, während die offenen Haftanstalten noch 1.025 nicht belegte Plätze haben.
Starker Anstieg von Verurteilungen in politischen Verfahren, insbesondere bei Minderjährigen
Ankara - BİA News Center, 20 Februar 2012
Der Justizminister, Sadullah Ergin, gab bekannt, dass die Anzahl der verurteilten minderjährigen politischen Gefangenen von 17 im Jahr 2005 auf 1023 im Jahr 2010 raketenartig angestiegen ist. Ergin veröffentlichte die Zahlen als Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Abgeordneten der Partei für Frieden und Demokratie (BDP) Pervin Buldan.
Die BDP Abgeordnete Buldan hatte nach Verurteilten gefragt, die aufgrund des Verstoßes gegen bestimmte Artikel des türkischen Strafrechtes (TStGB) verurteilt wurden. Die in der Antwort von Minister Ergin bekannt gegebenen Informationen decken einen dramatischen Anstieg der Anzahl von Kindern und Jugendlichen auf, die im Zusammenhang mit politischen Verfahren verurteilt wurden.
Im Jahr 2005 wurden 17 Jugendliche verurteilt, 78 wurden freigesprochen. 2006 wurden 14 Jugendliche, einige weniger, verurteilt und 67 freigesprochen. 2007 gab es 47 Verurteilungen und 97 Freisprüche von Jugendlichen, 2008 36 Verurteilungen und 122 Freisprüche.
Einen steilen Anstieg gab es im Jahr 2009 mit 1.105 Verurteilungen und 1.144 Freisprüchen. Im Jahr 2010 waren die Zahlen ähnlich hoch: 1.023 Verurteilungen und 857 Freisprüche von Minderjährigen.
2009 war das Jahr, in dem die Ermittlungen und Operationen im Zusammenhang mit der Union der kurdischen Gemeinschaften (KCK) begannen, der Dachorganisation die die militante Kurdische Arbeiterpartei (PKK) einschließt.
Nach den Angaben von Minister Ergin weisen die Zahlen hinsichtlich der Gesamtzahl an Verurteilungen aufgrund von Verstößen gegen das türkische Strafgesetzbuch einen gleichmäßigen Anstieg auf . Nur die Zahlen der verurteilten Frauen haben zwischen 2005 und 2006 leicht abgenommen:
- 2005: 2314 Männer, 412 Frauen
- 2006: 3355 Männer, 374 Frauen
- 2007: 5284 Männer, 647 Frauen
- 2008: 5423 Männer, 649 Frauen
- 2009: 8299 Männer, 912 Frauen
- 2010: 8686 Männer, 1206 Frauen
Morde durch die PKK werden thematisiert
Unter Berufung auf eine Nachricht in der Zeitung Star berichtete Radikal vom 19.02.2012 davon, dass der kurdische Politiker İbrahim Güçlü ein 39-seitiges Dokument der Staatsanwaltschaft übergeben habe. Darin soll eine lange Liste von Todesopfern enthalten sein, die von der PKK sowohl in den eigenen Reihen, als auch unter Angehörigen anderer Organisation wie auch der zivilen Bevölkerung getötet wurden. Zuvor hatte am 19. Januar 2012 eine Sitzung des Unterausschusses zu "Verletzungen des Rechts auf Leben durch Terror" im Menschenrechtsausschuss der Großen Nationalversammlung der Türkei stattgefunden, auf der İbrahim Güçlü geredet hatte.[4]
Nach den einleitenden Kapiteln zur Kurdenfrage und zur Rolle der PKK (Teil 1 und 2) war es im Teil 3 schon um die Anwendung von Gewalt gegen bestimmte Stämme unter den Kurden aber auch Mitgliedern von anderen (linken) kurdischen und türkischen Organisationen besonders vor dem Putsch von 1980 gegangen. Im vierten Teil wurde eine Liste von Morden präsentiert, wie sie auch auf der Seite Realität der PKK vom 14.12.2011 bei Nasname zu finden ist. Im fünften Teil war diese Liste noch einmal nach verschiedenen Kriterien aufgeteilt worden. Im sechsten Teil sollte es auch um Aktionen der Hizbullah gehen, es wurde jedoch erneut auf Morde der PKK (Schwerpunkt Varto) und die Angaben eines potentiellen Opfers als Zeugin hingewiesen, bevor İbrahim Güçlü seine abschließenden Forderungen stellte.
Die meisten Presseorgane in der Türkei haben vorwiegend die Liste der Todesopfer als "Liste der Hinrichtungen durch die PKK" veröffentlicht. Helmut Oberdiek, der schon 2007 einen Überblick über Morde innerhalb der PKK erstellt hatte, hat die neuen Informationen untersucht und daraus eine zusätzliche Seite über Morde der PKK an internen und externen Kritikern erstellt.[5] Die Tageszeitung Radikal vom 27.02.2012 berichtete, dass die Staatsanwaltschaft in Diyarbakır Ermittlungen zu Morden innerhalb der PKK aufgenommen hatten. Mit Zeugenaussagen, wie denen von Şemdin Sakık und İbrahim Güçlü werde gegen führende Köpfe im Nordirak, darunter Murat Karayılan, Duran Kalkan, Cemil Bayık, Ali Haydar Kaytan, Fehman Hüseyin, Nurettin Sofi und den 2004 aus der Organisation geschiedenen Osman Öcalan ermittelt. Die Ermittlungen werden wegen des gewaltsamen Versuches, die Einheit des Landes zu zerstören und wegen Mord geführt.
Mutmaßlicher sexueller Missbrauch von Kindern im Gefängnis Pozanti
Das Unabhängige Netzwerk BIA meldete am 27. Februar 2012, dass Berichten zufolge jugendliche Gefangene im M-Typ-Gefängnis von Pozanti bei Adana sexueller Gewalt ausgesetzt worden seien. Die betreffenden Jugendlichen waren aus politischen Gründen inhaftiert aber zusammen mit Gefangenen in Zellen untergebracht worden, die aus nicht-politischen Gründen verurteilt worden waren.
Das Gefängnis Pozanti habe schon in vorhergegangenen Jahren Schlagzeilen wegen Misshandlung von Jugendlichen gemacht. Über die neuen Vorwürfe berichte ein Artikel der Reporterin der DIHA-Nachrichtenagentur Zeynep Kuris, der kürzlich in der Tageszeitung Evrensel veröffentlicht wurde. Nach der Aussage des 15-jährigen H.K., der vier Monate im Gefängnis Pozanti verbrachte, seien einige seiner Freunde von gewöhnlichen Strafgefangenen Dutzende Male vergewaltigt worden. Ihre Erfahrungen könnten nicht beschrieben werden.
H.K. erklärte, dass keiner der Verurteilten im Flur B-4 ein politischer Gefangener gewesen sei. Die Gefangenen seien zumeist wegen Mord, Diebstahl und Drogeneinnahme inhaftiert gewesen. Er sei Zeuge von Dutzenden Fällen von Vergewaltigung und sexueller Drangsalierung im Gefängnis gewesen.
Der 17-jährige S.A. berichtete, dass er von der Polizei festgenommen worden sei, als in seiner Nachbarschaft eine Demonstration stattfand. Er sei von der Polizei geschlagen worden. Er habe an dem Tag Werbematerial einer Agentur verteilt. Er habe gefragt: „Warum? Wofür? Ich habe nicht verstanden, wessen Namen sie wollten.“ S.A. wurde dann inhaftiert und in das Gefängnis Pozanti gebracht. Er berichtete, dass er dort sehr schlimme Dinge erlebt habe. Die Gefangenen hätten ein Seil um seinen Hals gelegt und zugezogen. Sie hätten ihn geschlagen und einen Terroristen genannt.
S.A. berichtete, er sei immer noch nicht in der Lage, sich von den Auswirkungen des Erlebten zu erholen. Er gab an, dass viele seiner Freunde nach ihrer Freilassung aus Scham nicht in der Lage waren, in ein normales Leben zurückzukehren. S.A. berichtete ferner, dass sie die Gefängnisverwaltung mehrere Male über die Lage informiert hätten, die Verwaltung jedoch nichts unternommen habe. Ihre Forderung, in andere Zellen verlegt zu werden, sei nicht nachgegangen worden. Er verbrachte zwei Monate im Gefängnis Pozanti und wurde vor einem Monat freigelassen.
Der 17-jährige A.K. berichte, wie er in Polizeihaft genommen wurde. Als er auf dem Heimweg von der Arbeit war, beobachtete er eine Auseinandersetzung zwischen Demonstranten und Polizisten. Er war von einer Gasbombe in Mitleidenschaft gezogen worden und versuchte sich in ein nahegelegenes Haus zu retten. Die Polizei drang in das Haus ein und brachte ihn auf das Dach, wo sie ein Palästinensertuch um seinen Hals banden und Fotos von ihm machten. Die Polizei sagte zu ihm, er sei ein Demonstrant. Er musste in ein Polizeifahrzeug steigen, in dem er mit einem Gewehrkolben geschlagen wurde. A.K. wurde unter verschiedenen Beschuldigungen inhaftiert und in das Gefängnis Pozanti gebracht.
A.K. sagte, im Gefängnis sei das schlimmste Problem der sexuelle Missbrauch gewesen. Aber er berichtete auch über andere Probleme, die er im Gefängnis erlebte. „Die Verurteilten zwangen unsere Freunde, mitten in der Nacht aufzustehen. Sie zertrümmerten ihre Köpfe vor unseren Augen. Aber die Gefängnisverwaltung versuchte immer die Vorfälle zu vertuschen.“
Didem Gediz Glegen Türkmen ist Allgemeinärztin am Beratungszentrum der Mittelmeer-Stadtverwaltung. Sie wandte sich nach ihren Gesprächen mit den Jugendlichen, die Unterdrückung und Gewalt im Gefängnis Pozanti erlebt hatten, an die Menschenrechtsstiftung der Türkei. Sie sieht es als dringend notwendig an, dass die Jugendlichen beraten und unterstützt werden. Auf der anderen Seite vertrauen die Jugendlichen niemandem. Einige der Jugendlichen begannen sich nach psychologischer und sozialer Unterstützung durch die Menschenrechtsstiftung der Türkei während der Gespräche ein wenig mehr zu öffnen. Türkmen sagte: „Ein Jugendlicher berichtete uns zum Beispiel, dass ein sehr junges Kind in das Bett eines Flurmanagers gezwungen wurde und er sich dann die Ohren zuhielt, um nicht die Schreie des Kindes zu hören. Diese Ereignisse haben tiefe Verletzungen in ihren Seelen zurückgelassen und sie verursachen tiefe Wunden in den Beziehungen untereinander und mit der Außenwelt.“
Türkmen hob hervor, dass die Jugendlichen auch Schwierigkeiten haben, das Erlebte ihren Eltern mitzuteilen. Deshalb würde die Identität der Jugendlichen nicht mitgeteilt und die Untersuchungen würden anonym durchgeführt.
Auf Nachfragen nach dem Bericht von Zeynep Kuris habe der stellvertretende Direktor des Gefängnisses Pozanti am Telefon alle Beschuldigungen zurückgewiesen. Diese Art von Beschuldigungen würden ständig berichtet, sie würden jeder Grundlage entbehren.
Einzelnachweis
- ↑ Der Verein von wohltätigen Armeniern aus Malatya nennt sich verkürzt: Malatya HAYDER
- ↑ In den türkischen Nachrichten wird von dem Ort der letzten Waschung (gasilhane) und auch dem Ort des letzten Gebetes gesprochen
- ↑ Zuverlässigere Zahlen sind der Recherche von Helmut Oberdiek zu entnehmen. In seiner Übersicht zu Killings of Armed Groups führt er 240 Morde zwischen 1983 und 1987 und 800 Morde an Zivilisten durch die PKK zwischen 1990 und 2000 auf. In einer detaillierten Aufstellung über Morde in der Organisation gehen die Schätzungen (anderer Quellen) nicht über 1.500 Morde an Oppositionellen in der Organisation hinaus.
- ↑ Details daraus wurden auf der Internetseite Nasname mit dem Titel "Staatszentrierter Terror von PKK und Hizbullah wurde im Parlament diskutiert" in 6 Folgen veröffentlicht. Die Links zu diesen Seite sind: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5 und Teil 6
- ↑ Siehe auch die englische Serie zum Recht auf Leben mit dem Unterkapitel Morde durch bewaffnete Gruppen mit entsprechenden Links zu statistischem Material.