Meldungen im April 2011

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Die folgenden Nachrichten wurden im April 2011 vom DTF erfasst (übersetzt). Für externe Links wird keine Verantwortung bezüglich des Inhalts und der Dauerhaftigkeit übernommen.

Inhaltsverzeichnis

Verbotenes Buch im Internet

Wie das DTF sowohl in den türkischen und englischen Tagesberichten der TIHV als auch im Monatsbericht März 2011 berichtete, wurden Anfang März weitere 9 Personen mit der Begründung verhaftet, der Geheimorganisation Ergenekon anzugehören. Unter ihnen waren der Journalist Ahmet Şık und Nedim Şener. Zuvor waren bei der Durchsuchung eines Fernsehsenders das Manuskript eines Buches von Ahmet Şık entdeckt worden, in dem es um die Unterwanderung (vor allem) der türkischen Polizei durch die Gemeinde (Sekte) des Fethullah Gülen ging. In diesem Manuskript glaubte die Staatsanwaltschaft Kommentare (eher: Verbesserungsvorschläge) entdeckt zu haben, die als Anweisung der Organisation gesehen wurden, um die Machenschaften von Ergenekon zu verschleiern.

Am 23. März 2011 erließ die 12. Große Kammer für schwere Straftaten in Istanbul die Anordnung, das Buch (den Entwurf) zu beschlagnahmen.[1] Büros der Anwälte und der Tageszeitung Radikal wurden durchsucht und Kopien des Buches von Computern gelöscht. Gleichzeitig drohte die Staatsanwaltschaft, dass der Besitz einer Kopie als "Unterstützung einer terroristischen Organisation bewertet werde.[1] Trotzdem konnte die Staatsmacht nicht verhindern, dass die "Armee des Imam" am 31. März komplett im Netz auftauchte. Bereits am ersten Tag wurde das Manuskript über hunderttausend Mal heruntergeladen.[2] Der Seite (Gruppe) bei facebook unter dem Titel Auch ich habe das Buch von Ahmet Şık (Ahmet Şık'ın Kitabı bende de var) waren bis zum 6. April ebenfalls mehr als 100.000 Leute beigetreten.

Was steht in dem Entwurf?

Das Buch, das im Entwurf "Die Armee des Imam" genannt wurde, in der Internet-Fassung unter dem Namen "Wer berührt, verbrennt (tr: Dokunan Yanar, freier übersetzt: Wer rumstochert, verbrennt sich die Finger) beschreibt sehr detailliert, wie Anhänger des islamischen Geistlichen Fethullah Gülen, die derzeit mit Abstand einflussreichste islamische Bruderschaft der Türkei, seit Mitte der achtziger Jahre systematisch die Polizei unterwandert haben. Ahmet Şık habe heraus gefunden, so sein Anwalt Fikret Ilkiz, dass bereits 80 Prozent des türkischen Polizeiapparates zur Gülen-Bewegung gehören.[2] Das DTF hat auf seinen englischen Seiten Passagen aus dem Buch in die englische Sprache übersetzt. Der Entwurf zu dem Buch Die Armee des Imam wurde dabei in 5 Kapitel unterteilt, um wichtige Details unter selbst gewählten Überschriften einem Publikum zugänglich zu machen, das der türkischen Sprache nicht mächtig ist.

Eine Antwort auf die Frage nach der Brisanz des geplanten Buches ist dabei nicht zu finden. Es gibt auch nur wenige Stimmen dazu im Internet. In einem Artikel bei habername.com vom 02.04.2011 sagt Ruşen Çakır: "Das Buch ist schwach, um die Bewegung von Fethullah Gülen zu verstehen. Es ist eine gesellschaftliche, kulturelle Bewegung... Es ist ein Entwurf, der überarbeitet werden muss." In Today's Zaman vom 29.03.2001 unterstützte der Kolumnist Abdullah Bozkurt die These der Staatsanwaltschaft mit dem Worten: "Das Buch ist keine unabhängige Recherche eines aufklärenden Journalisten".[3]

Türkei auf Platz 2 beim EGMR

Im unabhängigen Netzwerk BIA vom 11.04.2011 werden Statistiken der Beschwerden bei Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) präsentiert. Demnach warteten am Ende des Jahres 2010 15.200 Beschwerden aus der Türkei auf eine Entscheidung. Mehr nicht entschiedene Fälle kamen nur aus Russland mit 40.300. Die Zahl der Beschwerden aus der Türkei hat in den letzten Jahren zugenommen. Im Jahre 2005 waren es 2.488, 2006 gab es 2.328, 2007 2.830, 2008 3.706, 2009 4.474 und 2010 wurden aus der Türkei 5.821 Beschwerden eingereicht.

Von der Zahl der Beschwerden stand die Türkei im Jahre 2010 damit an dritter Stelle von 47 Ländern. Falls die Zahl der Beschwerden auf die Zahl der Einwohner verteilt würde, nähme die Türkei nur den 24. Platz ein. In Bezug auf Entscheidungen aber steht die Türkei an erster Stelle. Zwischen 1998 und 2010 wurden 2.539 Fälle entschieden. Von den 278 Fällen, die zur Türkei im Jahre 2010 entschieden wurden, wurde in 228 Fällen auf die Verletzung von Rechten und Freiheiten entschieden. Damit lag die Türkei wieder vorne, gefolgt von Russland mit 204 Entscheidung auf eine Verletzung der Menschenrechte.

Von den 35.152 Beschwerden, die zwischen 1998 und 2010 aus der Türkei eingereicht wurden, wurden 18.921 nicht zugelassen. Bei den Entscheidungen auf Verletzung von Menschenrechten in der Türkei steht das Recht auf ein faires Gerichtsverfahren an erster Stelle (1.139), gefolgt vom Recht auf Besitz (574) und dem Recht auf Freiheit und Sicherheit (516). Zum Folterverbot (Artikel 3 der Konvention) gab es 332 Entscheidungen auf eine Verletzung der Bestimmung. Die Zahl der Entscheidungen betrug im Jahre 2004 16 und stieg bis 2010 auf 59 an.

Inhaftierte Kandidaten für die Wahlen

Die Tageszeitung Radikal vom 12.04.2011 berichtete über Kandidaten zu den Parlamentswahlen im Juni 2011, die sich momentan in Haft befinden und, falls sie gewählt werden, nur dann ihren Sitz im Parlament einnehmen können, wenn die Gerichte sie aus der U-Haft entlassen.

Die CHP[4] hat aus dem Ergenekon-Verfahren den Prof. Dr. Mehmet Haberal als Kandidat in Zonguldak, den Journalisten Mustafa Balbay als Kandidat in İzmir und den ehemaligen Vorsitzenden der Ärztekammer Ankara, Sinan Aygün als Kandidat für Ankara aufgestellt,. Die MHP wiederum stellte dem im gleichen Verfahren inhaftierten General a.D. Engin Alan als Kandidat in İstanbul auf. Nach den Listen, die dem Wahlausschuss übergeben wurden, sind neun in den Verfahren Ergenekon und Balyoz angeklagten Personen (8 davon im Gefängnis Silivri für die Wahl aufgestellt worden.

Ex-Polizeichef Hanefi Avcı, der sowohl im Verfahren “Devrimci Karargah” als auch “Ergenekon” angeklagt ist, will sich in Istanbul als unabhängiger Kandidat zur Wahl stellen. Die MHP hat neben Engin Alan auch den General Çetin Doğan in İstanbul als Kandidat aufgestellt und in Antalya geht der Major Hasan Atilla Uğur ins Rennen. Der Vorsitzende der İP, Doğu Perinçek wird bei der Wahl in İzmir als Kandidat der "Kraftunion Republik" (Cumhuriyet Güçbirliği) antreten.

Die BDP hat Listen mit unabhängigen Kandidaten aufgestellt. Darunter befinden sich die im KCK Verfahren inhaftierten Angeklagten (in Klammern jeweils Ort der Kandidatur): Hatip Dicle (Diyarbakır), Faysal Sarıyıldız (Şırnak), İbrahim Ayhan (Şanlıurfa), Kemal Aktaş (Van), Selma Irmak (Şırnak) und Gülseren Yıldırım (Mardin).

Die Entwicklung danach

Die Schilderungen sind weitestgehend der türkischen Wikipedia entnommen.

Der Hohe Wahlrat (Yüksek Seçim Kurulu = YSK) hob am 18.04.2011 die Kandidatur von 12 unabhängigen Kandidaten auf. Sieben der Kandidaten gehörten zum Block "Arbeitskraft, Demokratie und Freiheit". Am 19. und 20. April kam es deshalb zu Protesten im Südosten und Istanbul, vor allem von Anhängern der BDP. Bei einer Demonstration in Bismil starb ein Demonstrant.[5] Parallel dazu besorgten sich abgelehnte Kandidaten Gerichtsbeschlüsse, dass ihnen die Bürgerrechte (das Recht, gewählt zu werden) zuerkannt wurden. Danach entschied der YSK, dass Harun Özcan, Hatip Dicle, Leyla Zana, Mehmet Salih Yıldız, Ertuğrul Kürkçü, Gültan Kışanak, Sebahat Tuncel an den Wahlen teilnehmen dürfen. Abgelehnt blieben İsa Gürbüz, Çiçek Otlu und Şerafettin Efe. Zu Abdullah Kızılay und Nezir Sincar wurde (noch) keine Entscheidung gefällt.

Weitere Infos der türkischen Wikipedia besagen, dass Tuncay Özkan von der CHP nicht aufgestellt wurde und deshalb in Istanbul (1. Gebiet) als unabhängiger Kandidat ins Rennen gehen wird. Zu den Kandidaten der "Kraftunion Republik" (Cumhuriyet Güçbirliği) sollen in İstanbul Çetin Doğan (angeklagt im Balyoz Verfahren) und Doğu Perinçek in İzmir, Hasan Atilla Uğur in Antalya und M. Deniz Yıldırım in Isparta gehören.

Kritik an KCK Verfahren

Die Gemeinschaftsplattform Menschenrechte (tr: İnsan Hakları Ortak Platformu İHOP), der der Menschenrechtsverein IHD, der Verein Helsinki Bürger und die türkische Sektion von amnesty international angehören, hat einen Bericht zur Prozessbeobachtung des Verfahrens gegen vermeintliche Angehörige der Union der Gemeinschaften Kurdistan (kr: Koma Ciwaken Kurdistan KCK) veröffentlicht.[6] Unterdessen wird das zentrale KCK Verfahren in Diyarbakir mit 152 Angeklagten am 19. April 2011 weitergehen.

An der Pressekonferenz nahmen der derzeitige Sprecher der İHOP und Vorsitzende des İHD, Öztürk Türkdoğan, der Vorsitzende der Menschenrechts-Akademie, Hüsnü Öndül und Murat Dinçer von der Anwaltskammer Izmir teil. Die Ergebnisse der Prozessbeobachtung fasst Murat Dinçer zusammen: "Bei Folter ist eine Abnahme zu verzeichnen, aber es werden viel zu viel manipulierte Beweise gesammelt." Die Mängel am KCK Verfahren listete er wie folgt auf:

  • Verteidigung wird durch Ermittlungen bedroht
  • Bei den Verhören kam es zu ehrenverletzender Behandlung
  • Die Länge der U-Haft widerspricht der Unschuldsvermutung
  • Die Angeklagten dürfen ihre Muttersprache nicht benutzen
  • Es werde keine Beweise für die Angeklagten gesammelt
  • Meinungsfreiheit wird zum Thema des Verfahrens
  • Geheimhaltung der Kommunikation ist bedroht

In einem Kommentar in Radikal vom 28.04.2011 hat Koray Çalışkan eine kleine Anekdote zum Bürgermeister von Diyarbakır, Osman Baydemir, der im zentralen Verfahren gegen KCK zu den nicht inhaftierten Angeklagten gehört, berichtet.

Ein Beweismittel ist deutlich. Baydemir lehnt es auch nicht ab. Es geht um ein angehörtes Telefongespräch. Es ist ein absoluter Beweis, dass Baydemir von jemand Anweisungen erhält. Als ich es mir anhörte, war auch ich überzeugt. Er bekommt Anweisungen. Bei dem Telefonat rief Osman Baydemir seine Ehefrau Reyhan an. Eine Sitzung nach der anderen und was sonst noch zu tun sei... Weil es länger dauert, möchte er das mitteilen. Er wird wieder spät nach Hause kommen. "Ich werde zwischen drin auch Flugblätter der Partei verteilen, mich an der Aktion der Partei beteiligen". Darauf seine Frau: "Verteile die Flugblätter und komm danach nach Hause." Danach versichern sich beide, dass sie sich lieben. Es ist also klar, dass Baydemir politische Anweisungen erhält, noch dazu von einer Person, in die er verliebt ist.

Nevin Berktaş wurde freigelassen

Trotz des Urteils des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte kam die Entscheidung überraschend. Wie aus zuverlässiger Quelle verlautete, wurde Nevin Berktaş[7] am 15. April 2011 aus der Haft entlassen. In der Mitteilung, die das DTF am 17.04.2011 erreichte, heißt es u.a.

Nach geltendem Recht wäre sie erst Anfang Juni entlassen worden. Man hat sie einfach abends vor die Tür des Gefängnisses gesetzt, selbst ihr Anwalt wurde nicht informiert. Nevin ist überglücklich und dankbar für all die Unterstützung, die sie erhalten hat. Sie sagt, diese Anteilnahme hat ihr während der Zeit im Gefängnis sehr geholfen und sie ist nach der Entlassung nun voller Kraft und Zuversicht.
Alles was wir derzeit wissen ist, dass ihre Akte bei dem Justizministerium zur Überprüfung war. Die Nacht-und-Nebel-Aktion zeigt, dass dies ein Erfolg der breiten und internationalen Unterstützung war.

Kriegsdienstverweigerer flüchtet aus Haft

Wie Radikal vom 23.03.2011 bestätigte, ist der Kriegsdienstverweigerer (KDV) İnan Süver am Vortag aus der offenen Haftanstalt Saruhanlı (Provinz Manisa) am 22. April bei der Verlegung in ein Krankenhaus entflohen. Seiner Anwältin Hülya Üçpınar zufolge wäre er im September dieses Jahres entlassen worden.

Nachdem İnan Süver 2001 zum Militärdienst eingezogen wurde, hatte er drei Mal "Fahnenflucht" begangen. Im Jahre 2009 hatte er erklärt, dass er den Wehrdienst aus Gewissensgründen ablehne. Am 5. August 2010 war er nach einer Durchsuchung seiner Wohnung in Istanbul verhaftet worden. Am 24. August wurde er nach İzmir in das Militärgefängnis Şirinyer verlegt. In Briefen sprach er von Misshandlungen. Am 8. Oktober wurde er in das Gefängnis Buca (für Zivilisten) verlegt. Im Januar 2011 erhielt er einen Bescheid, dass er untauglich sei. Er blieb aber im Gefängnis und wurde am 4. April 2001 in den offenen Strafvollzug verlegt.

Im November 2010 sprach seine Ehefrau Remziye mit der Presse. Das Interview wurde in Radikal vom 15.11.2010 veröffentlicht. Sie erzählte, dass sie beide aus Van stammen und miteinander verwandt sind. Als sie 6 und Inan Süver 10 Jahre alt war, zog ihre Familie nach Konya und die Familie Süver nach Istanbul. Als Inan 21 war, kam er nach Konya und aus Liebe wurde sofort geheiratet. Ein Jahr darauf wurde eine Tochter und wieder ein Jahr später Zwillinge geboren. Mit 23 Jahren war Inan Vater von 3 Kindern. Die Familie lebte in Istanbul, zuerst bei den Schwiegereltern. Inan verdiente etwas Geld als Friseur und dann als Maler. Als die Kinder in die Schule kamen, fand Remziye Arbeit in einer Textil-Werkstatt.

Auf die Frage, wie İnan zum Kriegsdienstverweigerer wurde, sagte Remziye Süver, dass er vor Jahren auf Druck der Familien den Wehrdienst angetreten habe. Nach der Grundausbildung in Erzincan habe er gesagt, dass er den Wehrdienst nicht leisten können. Der Vater habe aber soviel Druck ausgeübt, dass er in Izmir seinen Dienst fortgesetzt habe. Nach anderthalb Monaten sei er nach Hause gekommen. Durch einen Wald habe er sich von seiner Einheit entfernt. Anderthalb Jahre war er dann ein "Fahnenflüchtiger", bis seine Mutter ihn zum Wehramt brachte und er weitere 2 Monate Wehrdienst machte. Dieses Mal habe er sich auf einem LKW versteckt, um zu entkommen. Er sei mehrfach bestraft worden. 2003 habe er 4 Monaten und 20 Tage im Militärgefängnis von Şirinyer verbracht. 2007 erhielt er eine weitere Strafe von 3 Monaten und 20 Tagen.

Die Ereignisse hätten aus dem lebenslustigen Mann ein stummes Wesen gemacht. Mit seiner Mutter habe sie ihn gar in die Nervenheilanstalt Bakırköy gebracht, wo er starke Medikamente erhielt. Er sei danach sehr vergesslich gewesen, bis Remziye Süver ihn überredete, in eine eigene Wohnung zu ziehen. Dort sei er wieder normal geworden. Vor anderthalb Jahren habe er dann schriftliche seine Kriegsdienstverweigerung erklärt. Er habe einen Ausweis gebraucht und damit kamen die Behörden an seine Adresse. Zwei Polizeibeamten hätten ihn dann abgeholt und wieder ins Militärgefängnis Şirinyer gebracht, wo er 45 Tage in Isolation gehalten, weil er keine Gefangenenkleidung trug.

Die Flucht von İnan Süver dauerte nicht lang. Wie Bianet vom 25. April 2011 berichtete, wurde er einen Tag nach seiner Flucht (am 21. April 2011) in İzmir zusammen mit seiner Ehefrau Remziye Süver festgenommen. Die Frau wurde kurz darauf freigelassen, aber er kam in das Gefängnis von Buca. Dort hat er nach Auskunft seiner Anwältin Hülya Üçpınar am 25. April einen Hungerstreik begonnen.

Freispruch im Ergenekon Verfahren

Von einem bislang unbekannten Verfahren gegen den Geheimbund Ergenekon berichtete Hürriyet vom 22.04.2011. Es handelt sich dabei um ein Verfahren, dass vor der 6. Großen Kammer für schwere Straftaten in Adana gegen 12 Personen geführt wurde, Sie waren zwischen dem 17. April und 29. Juni 2009 in Konya und anderen Provinzen festgenommen worden. Fünf von ihnen waren nach den Verhören bei der Polizei auf freien Fuß gekommen, die anderen verbrachten 7 Monate und 15 Tage in U-Haft. Die Anklage lautete auf Gründung einer kriminellen Vereinigung und Mitgliedschaft in dieser Organisation. In der Verhandlung vom 12. April 2011 forderte der Staatsanwalt Freispruch, da die Straftat nicht begangen wurde. Das Gericht folgte diesem Antrag und sprach Mustafa Sırrı Demirel, Kandidat für das Amt des Bürgermeisters in Selçuklu (Provinz Konya) für die MHP, Abdurrahman Berkcan, angestellt im Gouverneursamt von Konya, Lütfi Özalp, pensionierter Geheimdienstler, Anwalt Metin Karagöz, sowie Selim Kara, Mustafa Kavuncu, Sami Çimen, Muhammer Çevik, İlknur Kara, Yavuz Kara, Tahsin Oğuzhan Şahin und Aykut Çakıcı frei

Ermittlungen wegen Foltertod vor 30 Jahren

Ali Ekber Yürek starb im Alter von 24 Jahren

Unter der Überschrift "Erste Grabungen zum 12. September" berichtete Radikal vom 29.04.2011 von Ermittlungen in der Kreisstadt Afşin (Provinz Kahramanmaraş) wegen des Todes des Lehrers Ali Ekber Yürek im Mai 1981.[8] Der Staatsanwalt Mehmet Kuş will das Grab öffnen lassen, um festzustellen, ob es sich um einen gewaltsamen Tod gehandelt hat. In dem Zusammenhang wurden auch zwei Zeugen vernommen.

Ali Ekber Yürek wurde am 7. Mai 1981 in Elbistan (Provinz Kahramanmaraş) als vermeintlich führendes Mitglied der illegalen TKP / ML festgenommen worden. Unter Festgenommen war auch Kalender Hışır, der nun angab, dass sie erst im Gebäude der Straßenbau, Wasser und Stromwerke (Yol Su Elektrik İdaresi) und danach im Internat (Yatılı Bölge Okulu). Am 25. Mai 1981 wurde der ältere Bruder Mehmet Yürek aus Istanbul gerufen, um die Leiche des 24-jährigen Bruder in Afşin abzuholen. Er berichtete, dass der Leichnam an verschiedenen Körperteilen Spuren von Verbrennungen und Schlägen aufgewiesen habe. Der linke Arm, Rippen und die Schulter hätten Frakturen aufgewiesen. Seinerzeit wurde ihm gesagt, dass sein Bruder sich mit einer Schnur aus seinem Parka erhängt habe. Der Staatsanwalt Hüseyin Türker hatte die Ermittlungen eingestellt, weil ein Arzt als Todesursache "Versagen der Atmung" attestiert hatte.

Nach der Verfassungsänderung im September letzten Jahres stellte Mehmet Yürek Strafanzeige gegen Juntachef Kenan Evren, den seinerzeit für das Gebiet zuständigen General Yusuf Haznedaroğlu sowie andere Verantwortliche in der Kreisstadt. Die Akte landete bei 30-jährigen Staatsanwalt Mehmet Kuş. Neben dem Bruder wurden auch Ali Kepez und Akif Keçeli am 6. April als Zeugen gehört. Er ordnete zudem ein medizinische Untersuchung der Leiche an und schrieb dazu an die Staatsanwaltschaft in Ovacık (Provinz Tunceli), wo Ali Ekber Yürek beigesetzt worden war.

Der Zeuge Akif Keçeli sagte, dass er im Mai 1981 festgenommen wurde und 120 lang in Polizeihaft war. Er sei zur Gegenüberstellung nach Afşin gebracht worden. Die Person, die er als "Musa" gekannt habe, sei zuerst bei guter Gesundheit gewesen, aber nach zwei Wochen sei er nicht einmal mehr in der Lage gewesen zu sprechen. Als ihm die Augenbinde abgenommen wurde, um Ali Ekber zu identifizieren, habe er den General Yusuf Haznedaroğlu gesehen. Unter seiner Kommandantur soll es zu Foltertoten gekommen sein. Der Zeuge Ali Kepez berichtete, das er von den 105 Tagen Polizeihaft 15 Tage in Afşin verbracht habe. Er habe gehört, wie "Musa" und andere gefoltert wurden. Am 3. Tag seiner Haft Afşin habe er gehört, wie man ihm sagte, "Nimm alles mit. Du kommst vielleicht nicht mehr zurück". Später als sie von Afşin nach Maraş gebracht worden waren, wurde ihnen gedroht, dass sie so enden würden wie Musa, wenn sie nicht redeten. Er selber habe immer noch Narben, wegen den Zigaretten, die auf seiner Haut ausgedrückt wurden.

Weitere Beschuldigungen gegen General Yusuf Haznedaroğlu

In Radikal vom 30.04.2011 wurde ein Interview von Ismail Saymaz mit Hamit Kapan veröffentlicht. Er war vor 30 Jahren in der Pädagogischen Hochschule von Kahramanmaraş (Maraş Eğitim Enstitüsü) gefoltert worden. Er bezeichnete Yusuf Haznedaroğlu als den Anführer der Folterer. Er sei nicht immer dabei gewesen, aber habe oft zugesehen. Es sei ihm darum gegangen, die Vorfälle von Maraş[9] auf den Kopf zu stellen. Ein Verfahren gegen die nationalistische MHP, in dem es auch um die Morde von 1978 ging, sei vor dem Kassationshof anhängig gewesen und der General habe versuchte, seiner Gruppe, die als Revolutionärer Krieg (Devrimci Savaş)[10] bekannt war, die Morde anzuhängen.

Ungefähr 200 vermeintliche Mitglieder von Devrimci Savaş seien seinerzeit verhört worden. Er, Hamit Kapan, habe an erster Stelle gestanden. Sie hätten leere Seiten unterschreiben müssen. Vor Gericht seien die Aussagen widerrufen worden, aber dennoch sei er zu 12 Jahren und 6 Monaten Haft verurteilt worden. Bei seiner ertsten Festnahme 1979 sei er 90 Tage verhört worden. Nach dem Putsch vom September 1980 sei er aus dem Gefängnis in Niğde geholt worden und weitere 210 Tage, also zusammen 300 Tage verhört worden.

Zu den Foltermethoden habe u.a. das Bad in der Jauchegrube (foseptik çukuru) gehört. Neun Tage habe er darin gesteckt und nur sein Kopf habe heraus geschaut. Yusuf Haznedaroğlu habe eine Peitsche gehabt. Die Schmerzen davon spüre er immer noch. Insgesamt 8 Zehennägel seien ihm ausgezogen worden. Bei den Folterungen seien auch zwei gute Freunde gestorben. Das seien Fehmi Özarslan und Mehmet Ceren. Man habe ihn zwischen die Leichen gelegt.

Anmerkung: Im Jahre 1984 hatte der Polizist Sedat Caner der Zeitschrift Nokta zum Tod von Mehmet Ceren gesagt: "Sie hatten Mehmet Ceren am Metzgerhaken (kasap askısı) aufgehängt. Über seinen Penis verabreichten sie Stromstöße. Als sie ihn vom Haken nahmen, lösten sich die Füße und er fiel mit dem Nacken auf den Rand des unter ihm liegenden Reifens. Dabei ist sein Genick gebrochen. Der damalige stellvertretende Kommandant des Kriegsrechts, Yusuf Haznedaroğlu hat Kenntnis davon."[11]

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Siehe dazu Nachricht bei Internethaber vom 30.03.2011
  2. 2,0 2,1 Siehe den Artikel im Spiegel vom 05.04.2011
  3. Text auf Englisch: "The book is no independent research conducted by an investigative journalist."
  4. Siehe die Seite Oft verwendete Abkürzungen
  5. Es handelte sich um İbrahim Oruç, der durch einen Schuss in die linke Brust getötet wurde (siehe Cumhuriyet vom 21.04.2011
  6. Ein ausführlicher Bericht (Türkisch) befindet sich in Yeni Özgür Politika vom 16.04.2011. Zum Hintergrund des Verfahrens sowie weiterer Verfahren siehe Meldungen im Oktober 2010
  7. Die Fallgeschichte hat das DTF unter Meinungsfreiheit verletzt: Buchautorin Nevin Berktaş kommt in Haft aufgegriffen.
  8. Der Tod von Ali Ekber Yürek ist in der 1988 erstellten Liste von Amnesty International zu zweifelhaften Todesfällen in Haft unter den Fällen aufgelistet, zu denen die türkischen Behörden keine Information lieferten. Der Foltertod ist auch in Liste von Helmut Oberdiek (Excel Datei) erwähnt. Der in Englisch geschriebene Hintergrundbericht stammt ebenfalls von Helmut Oberdiek.
  9. Es handelt sich hier um die gewalttätigen Auseinandersetzungen vom Dezember 1978; siehe den entsprechenden Artikel in Wikipedia
  10. Diese Organisation soll eine Untergruppe der TKHP/C (siehe http://ob.nubati.net/wiki/THKP-C) gewesen sein. Sie sei laut verschiedener Quellen 1977 gegründet worden und in der Region von Kahramanmaraş aktiv gewesen (siehe z.B. http://www.bluemirrow.com/archive/index.php/t-6556.html oder http://www.broadleft.org/tr_left_part_hist_diag.pdf
  11. In der Liste von Amnesty International wird zu dem Tod von Mehmet Ceren angemerkt: "Die offizielle Antwort vom 2. März 1989 nennt Lungenentzündung als Todesursache. Der Vater Vahip Ceren geht von Tod durch Folter aus. Den Tod von Fehmi Özarslan am 21. August 1981 hat nach Amnesty International die Regierung ebenfalls auf Lungenentzündung (Lobärpneumonie) zurück geführt.
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