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030425
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Deutsch
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Radikal vom 25.04.2003
DEMET BILGE: Die letzte Hinrichtung
Ali Akgün (2. von links) mit seiner Mutter Fadime, seiner Schwester Muazzez und seinem Bruder Sinasi im Gefängnis von Konya.
Ali Akgün war einer von 517 Personen, die nach dem Putsch von 1980 zum Tode verurteilt wurden. Bis zum Oktober 1984 waren 48 Todesstrafen vollstreckt worden. Die Akte zur Hinrichtung von Ali Akgün lag dem Parlament zur Ratifizierung vor. Er stand an zweiter Stelle. Davor war sein Freund Hidir Aslan und nach ihm der Saalgenosse Ilyas Has dran.
Für Ali Akgün kam es aber anders.
Wie es begann
Ali Akgün stammt aus Rize. Nachdem er das Gymnasium abegschlossen hatte, ging er nach Izmir. Noch vor dem Studium begannen die Ereignisse. Im Februar 1980 fuhren Panzer bei Taris,, Gültepe und Çimentepe vor und versuchten, die Streiks zu brechen. Ali Akgün und Hidir Aslan gruben Panzerfallen, aber die Panzer waren schon in den Vierteln. Bei den Vorfällen wurden 3 Polizisten getötet. Vier Leute, darunter Aslan und Akgün wurden verhaftet und kamen ins Militärgefängnis von Sirinyer.
Folter
"Es war fürchterlich," sagt Ali Akgün, "wir waren die einzige Gruppe, die beschlossen hatte, aus Protest gegen die Misshandlungen nicht mehr zu sprechen. Wir wurden an die Betten gefesselt und lagen dort mit Handschellen für anderthalb Monate." Am Ende des Verfahrens wurden Hidir Aslan und Ali Akgün zum Tode verurteilt. Die anderen zwei Angeklagten erhielten lebenslänglich. Nach der Bestätigung der Todesstrafen wurden die Gefangenen nach Buca verlegt. Sie waren 16 in einem Raum. Ilyas Has war auch da.
"Ilyas hatte eine schöne Stimme und sang immer das Lied von Kozanoglu. Manchmal diskutierten wir und manchmal machten wir Scherze über Exekutionen."
Anfang 1984 begannen Hungerstreiks, erst in Mamak (Ankara), dann in Istanbul und dann auch in Buca. Am 20. Tag wurde eine Razzia durchgeführt. 6 Leute, unter ihnen Hidir Aslan, kamen nach Burdur. Die Gefangenen konnten sich nicht voneinander verabschieden.
Die Mutter
Draussen mühte sich die Mutter ab. Sie fragte den Anwalt, ob die Hinrichtung zu verhindern sei. Der Anwalt sagte, dass es keine Rechtsmittel mehr gebe. Vielleicht könne ein Aufschub erreicht werden. Sofort machte sich Fadime Akgün daran, einen Antrag zu schreiben. Ihr Sohn sei schon als kleines Kind unartig gewesen und habe psychische Probleme, schrieb sie.
In jenen Tagen sass Ali Akgün im Militärgefängnis Mamak, weil er auch im Dev-Yol Verfahren von Ankara angeklagt war. Aufgrund des Antrags der Mutter wurde die Akte von Ali Akgün von Izmir zum Kassationsgerichtshof geschickt. Das Militärgericht in Izmir bat das Militärgericht in Ankara, den Verurteilten zu hören.
Der verstand erst gar nichts, als er vor den Richter trat. Obwohl er dem Richter sagte, dass seine Mutter sowas nur aus Angst um sein Leben geschrieben habe und ihm nichts fehle, wurde er zu einem Arzt geschickt. Der bestätigte die mentale Gesundheit und die Akte wurde wieder ans Parlament geschickt.
Jetzt aber hatte sich die Reihenfolge geändert. Ali Akgün war von der zweiten an die letzte Stelle gerückt. Ali Akgün war auf seine Mutter sauer. Er hatte den Kampf aufgenommen, ohne sich vor Hinrichtung zu fürchten. Eine ehrenverletzende Sache war für ihn weit schlimmer als der Tod durch den Strang.
"Ein Jahr lang habe ich keinen Besuch von meiner Mutter empfangen. Später habe ich ihr verziehen."
Hinrichtung steht bevor
Ali Akgün kam ins Gefängnis von Buca zurück. Eines Tages meinte ein Wärter, dass Hidir Aslan gehängt wurde. Er hatte zwar die Ratifizierung der Hinrichtung mit der Exekution verwechselt, aber nun wussten alle, dass Ilyas an der Reihe war.
Ilyas schaute Ali in die Augen und sagte: "Ich bin bereit". An dem Tag spielten sie nicht Fussball. Ilyas sang Kozanoglu in der schönsten Stimme. Er erzählte allem aus seiner Kindheit. Gegen 1 Uhr nachts kamen die Soldaten, um Ilyas zu holen.
"Dort habe ich zum ersten Mal den Tod gesehen."
Sie erlaubten Ilyas nicht einmal, seine Hose anzuziehen. Während sie ihn über den Boden schleiften, rief er: "Dafür werdet ihr Rechenschaft ablegen": Die anderen Gefangenen brüllten ebenfalls Parolen bis in die Morgenstunden.
Hätte die Mutter den Antrag nicht gestellt, wäre Ali dran gewesen. Am 7. Oktober 1984 wurde Ilyas Has hingerichtet.
Ein paar Tage war es still unter den Gefangenen. Dann wurden die Todeskandidaten nach Burdur verlegt. Nach einem Gefangenenaufstand kam Ali Akgün nach Ermenek und später sass er noch in den Gefängnissen von Konya, Bursa und Çanakkale.
"Ich wartete ständig darauf, hingerichtet zu werden. Das I.lyas Has und Hidir Aslan die letzten waren, wussten wir nicht. Es ist nicht einfach, immer an den Tod zu denken, wenn man so jung ist, dass man noch lange leben möchte."
Ali Akgün wurde nach der Amnestie 1991 aus der Haft entlassen. Er kehrte nach Rize zurück. Dann war er mehrere Jahre im Ausland und arbeitet nun als Bauunternehmer in Izmit. Er ist jetzt 51 Jahre, verheiratet und hat einen Sohn. Mit 9 Jahren hat der seine erste nationale Meisterschaft im Eiskunstlaufen errungen.
Während Ali seinen Sohn auf die Meisterschaft im Juni vorbereitet, steht er selber vor dem Abschluss seines Studiums. Zuückblickend sagt er: "Ich bin niemandem böse. Denn eigentlich bin ich am 7. Oktober 1984 gestorben."