Autor Doğan Akhanlı verhaftet

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Der 1957 im Kreis Savsat (Artvin) geborene aber in Köln lebende Schriftsteller mit deutscher Staatsangehörigkeit Doğan Akhanlı befindet sich seit dem 10. August 2010 in der Türkei in Haft. Zwei Haftbeschwerden wurden abgelehnt, so dass vor der ersten Verhandlung nicht mit seiner Entlassung gerechnet werden kann. Ende August 2010 war unklar, an welchem Gericht das Verfahren an welchem Datum beginnt.

Doğan Akhanlı, Foto von Raimund Spekking

Aktualisierte Informationen sind unter Aktuelles zum Fall Dogan Akhanli zu finden.

Inhaltsverzeichnis

Der Vorwurf

Die türkische Staatsanwaltschaft wirft Akhanli vor, er sei im Oktober 1989 an einem Raubüberfall auf eine Istanbuler Wechselstube beteiligt gewesen, bei dem ein Mensch getötet wurde. Akhanli hat diesen Vorwurf und jegliche Verbindung zu dem Überfall zurückgewiesen. Seine Anwälte, Haydar Erol (Istanbul) und Ilias Uyar (Köln), halten die von der Staatsanwaltschaft vorgelegten Beweismittel für haltlos.

Nach Angaben in der Tageszeitung Radikal vom 30.08.2010 geschah der Überfall auf die Wechselstube am 20.10.1989 im Stadtteil Tahtakale von Istanbul. Drei bewaffnete Personen sollen den Laden überfallen haben, wo sich der Besitzer Yaşar Tutum und seine Söhne Mustafa und Ünay aufhielten. Es kam zu einem Gerangel, so dass die Räuber flüchteten. Einer der Flüchtenden schoss und traf Yaşar Tutum tödlich. Die Räuber ließen zwei Taschen zurück. Nach Angaben des Anwalts Haydar Erol befanden sich in einer Tasche 3 Fotos und Dokumente. Auf den Fotos sollen Teilhaber einer Firma zu sehen gewesen sein.

Erst 1992 wurde festgestellt, dass die Dokumente von einem Mehmet Fatih Çalışkan stammten, der in der Firma die Finanzabteilung leitete. Er gab bei der Polizei an, dass er sie auf Anweisung eines Hamza Kopan erstellt habe. Dieser wurde zudem beschuldigt, führendes Mitglied einer linken Organisation zu sein.[1] In dem eingeleiteten Verfahren wurde auch Doğan Akhanlı beschuldigt. Dieser Teil des Verfahrens wurde 1994 abgetrennt. Das gegen Hamza Kopan gerichtete Verfahren endete in Freispruch.

Kommentare zu den Vorwürfen

Nach Angaben des Anwalts Erol war Hamza Kopan nach seiner Festnahme anderthalb Monate lang Folter ausgesetzt, an dessen Ende er angab, eine Tasche Doğan Akhanlı gegeben zu haben. Vielleicht wusste er, dass Akhanlı 1991 nach Deutschland gegangen war und nicht verhaftet werden könnte. Der Sohn von Yasar Tutum, Mustafa Tutum soll anhand eines Fotos, dass 1986 von Akhanlı im Gefängnis gemacht wurde, erkannt haben.

Nach der Verhaftung von Doğan Akhanlı fand die Familie Mustafa Tutum. Nach Auskunft des Anwalts Erol soll er bei der Polizei in Istanbul am 13.08.2010 gesagt haben, dass er Akhanlı auf dem Foto nicht erkenne. Nachdem der Anwalt in Besitz des polizeilichen Protokolls gelangt war, machte er eine zweite Haftbeschwerde am 23.08.2010 (die erste Haftbeschwerde war nach Radikal am 17.08.2010). Auch sie wurde abgelehnt, ebenso wie eine dritte Haftbeschwerde am 31.08.2010.[2]

Mittlerweile gibt es eine handschriftliche Erklärung des nun in Manisa lebenden Hamza Kopan. Sie trägt das Datum 31.08.2010 und enthält in der deutschen Übersetzung des Kulturforums Türkei Deutschland u.a. folgende Angaben:

Im Dezember 1992 wurde ich in Edirne/Kapikule festgenommen. In der Abteilung für Terrorbekämpfung des Istanbuler Polizeipräsidiums wurde ich schwer gefoltert. Ich habe meine polizeiliche Aussage unterschreiben müssen, ohne sie gelesen zu haben. Später wurde vor dem 3. Istanbuler Staatssicherheitsgericht verhandelt, ich saß 10 - 11 Monate in Haft und wurde am Ende des Prozesses freigesprochen.
Bei dem Vorfall, der zu der Verhandlung führte, handelt es sich um einen Komplott des alkoholabhängigen Fatih Caliskan und der Polizeibehörde. Meine Bekanntschaft mit Erdoğan Akhanlı, von dessen derzeitiger Haft ich durch die Presse erfuhr, ist folgendermaßen: Anfang 1990 lernte ich Erdoğan Akhanlı über seine Ehefrau kennen. Vor den Ermittlungen zu dem besagten Raubüberfall hat man zunächst mich beschuldigt, doch bei der Gegenüberstellung stellte sich im Laufe des Prozesses heraus, dass ich es nicht gewesen war. Damals sagte ich unter schwerer Folter und durch suggestiven Einfluss der Polizeibehörde aus. Die Notiz, die angeblich bei dem Raubüberfall gefunden worden sein soll, habe ich weder erhalten noch Erdoğan Akhanlı übergeben. Ich habe nur, weil die Polizei mich dazu zwang, das Haus gezeigt, in dem er wohnte und zwar, weil ich wusste, dass er im Ausland war.
Denn die Polizei hat mich in diesem Zusammenhang schwerer Folter und schwerem Druck ausgesetzt. Ständig haben sie gedroht, mir den Überfall und den Mord in die Schuhe zu schieben. Noch immer muss ich als Folge der Folter meinen linken Arm regelmäßig behandeln lassen.

Nach Angaben des Vereins recherche international gibt es ein ärztliches Attest, das belegt, dass Hamza Kopan unter schwerer Folter ausgesagt hat. Mustafa Tutum habe die Polizei nur Fotos von Akhanli vorgelegt und ihn zu der Aussage gebracht: "Ich sehe auf dem Foto eine große Ähnlichkeit. Wenn ich die Person sähe, könnte ich sie mit Sicherheit identifizieren." Am 20. August 2010 entschied die Staatsanwaltschaft, Dogan Akhanli aus Istanbul in eine Haftanstalt nach Tekirdag[3] zu verlegen, was Besuche seiner Anwälte, des deutschen Konsulats und seiner Verwandten erschwert bis unmöglich macht. Da Doğan Akhanlı deutscher Staatsbürger ist, müssen sowohl Besuche als auch Telefonate vom Justizministerium genehmigt werden.[4]

Die politische Vergangenheit

Dogan Akhanli war nach dem Militärputsch von 1980 im Untergrund. Nach einem Bericht in der TAZ vom 26.08.2010 war er als Student Mitglied der TDKP[5] und ging nach dem Putsch am 12. September 1980 in den Untergrund. 1984 wurde er in Izmir verhaftet und war 1985-1987 als politischer Häftling im Militärgefängnis von Istanbul inhaftiert und wurde dort gefoltert.[6] Er floh 1991 nach Deutschland, wurde hier als politischer Flüchtling anerkannt und später von der Türkei ausgebürgert. Seit Mitte der 90er Jahre lebt er als Schriftsteller in Köln.

Sein Schaffen

Akhanli hat sich in Romanen, Aufsätzen und Interviews und in Projekten in Deutschland immer wieder für den offenen Umgang mit historischer Gewalt und für die Unteilbarkeit der Menschenrechte eingesetzt. Schwerpunkt seines zivilgesellschaftlichen Engagements sind das Gedenken an die Genozide des 20. Jahrhunderts, der interkulturelle Dialog und Versöhnung.

Akhanlis Projekte wurde unter anderem von der Bundesstiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" gefördert und vom Bündnis für Demokratie und Toleranz ausgezeichnet. Akhanlis Romane wurden zu den wichtigsten Roman-Veröffentlichungen in der Türkei gewählt (Madonna'nin Son Hayali, 2005). Er erhielt 2009 den Literaturpreis der Zeitung "Hürriyet". Dogan Akhanli hat sich auch intensiv für die Aufklärung des Mordes an Hrant Dink eingesetzt und erinnert an die friedensstiftende Arbeit dieses Journalisten und Autoren.

Initiativen

Freunde von Dogan Akhanli vor allem vom gemeinnützigen Verein Recherche International e.V. haben sich vehement für seine Freilassung eingesetzt. Zur Deckung der Kosten kann auf das Konto des Vereins, Kontonummer 238 120 43; Sparkasse Köln BLZ 370 501 98. Stichwort: Dogan Akhanli gespendet werden.

In der Türkei hat der Menschenrechtler Şaban Dayanan bei Facebook die Initiative "Freiheit für Doğan Akhanlı" ins Leben gerufen. Personen mit einer Seite bei Facebook und Kenntnissen der türkischen Sprache können sich an der Initiative beteiligen. Zum Hintergrund schreibt Şaban Dayanan (zusammenfassende Übersetzung des DTF):

Zwei Tage nachdem Doğan Akhanlı in Untersuchungshaft geschickt wurde, bat der Staatsanwalt die Polizei, die Personen, die gegen ihn im Jahre 1992 aussagten zu finden. In der Tat kamen diese Personen am 13.08.2010. Ihnen wurde sein Foto vorgelegt, aber sie erkannten ihn nicht. Seltsam nur, dass diese Aussagen nicht dem Richter vorgelegt wurden.
Nachdem Verwandte den Anwalt über diese Aussagen informiert hatten, gelang es ihm, Kopien davon zu erhalten, mit denen eine weitere Haftbeschwerde eingelegt wurde. Die Beschwerde wurde am 23.08.2010 abgewiesen.

Weitere Initiativen gibt es von:

Weiterführende Links

Einzelnachweise

  1. In einem bei Bianet am 01.09.2010 veröffentlichten Artikel wird der Name der Organisation als Türkiye Halk Kurtuluş Partisi Yeniden Kurtuluş Birliği Halk Kurtuluş Güçleri (Volksbefreiungspartei der Türkei Union der erneuten Befreiung Volksbefreiungskräfte) angegeben.
  2. Auf dieser Seite des Kulturforums Türkei Deutschland finden sich Dokumente zum juristischen Hintergrund des Verfahrens.
  3. In Tekirdag gibt es zwei Anstalten vom Typ F. Das F-Typ Gefängnis 2 in Tekirdag hat eine Internetseite in Türkisch mit ein paar Bildern vom Inneren der Anstalt
  4. Es gibt einige (türkische) Berichte zu den Haftbedingungen, einschließlich Folter im Gefängnis von Tekirdag. Berichte aus jüngerer Zeit sind von der Union der Anwaltskammern der Türkei (TTB) vom 06.01.2010 und dem Verein zeitgenössischer Juristen, Zweigstelle Istanbul vom 05.07.2010
  5. Informationen der Schweizerischen Flüchtlingshilfe zu dieser Organisation gibt es unter http://ob.nubati.net/wiki/TDKP
  6. Kai Strittmacher schreibt in der Süddeutschen Zeitung vom 26.08.2010, dass Dogan Akhanli zusammen mit seiner Frau und seinem 16 Monate alten Sohn festgenommen und 10 Tage lang gefoltert wurde.